Fachinformationen - Cholera: Lebensverhältnisse


Cholera: Lebensverhältnisse

Seit dem 15.10.2010 erkrankten in Haiti mehr als 380.000 Menschen an Cholera. Von diesen wurden über die Hälfte stationär behandelt, etwa 6.000 Patienten verstarben. Im Juli 2011 war wieder ein Anstieg der Fallzahlen zu verzeichnen. Es wurde täglich über etwa 1.000 Neuinfektionen berichtet (Promed 26.07.).

Bildquelle: BNI / BW

Labordiagnostisch nachgewiesen wurde der Erregerstamm Vibrio cholerae El Tor O1. Diese Variante unterscheidet sich erheblich von den Choleraerregern, die in Lateinamerika und Ostafrika vorkommen, ist aber fast identisch mit einem Choleraerreger, der in Südasien zirkuliert. Sehr wahrscheinlich wurde der Cholera-Erreger von einem nepalesischen Mitglied des UN-Hilfsteams nach Haiti importiert (Chin 2011).

Innerhalb weniger Wochen breitete sich die Epidemie wie ein Flächenbrand aus. Die hygienischen Versorgungsbedingungen der Bevölkerung waren desolat und die organisatorisch für die Bewältigung der Katastrophe Verantwortlichen offenbar überfordert.

Die Betroffenen reagierten verzweifelt und stellten die Frage nach den Schuldigen. Der britische Historiker Richard J. Evans schrieb hierzu:

Mindestens ebenso "schockierend" wie die Wut der Bevölkerung war der Import von Vibrio cholerae durch das UN-Hilfsteam. Gerade im Fall der Katastrophenhilfe in einem der ärmsten Länder der Welt (nach einem Erdbeben mit mehr als 300.000 Todesopfern) hätte eine besondere Sorgfaltspflicht der Hilfsorganisationen für die Bevölkerung bestanden, um durch die Hilfe selbst nicht noch zusätzlichen Schaden anzurichten.

Der UN-Soldat, der den Erreger möglicherweise nach Haiti eingeschleppt hatte, war vermutlich nicht erkrankt. Es muss aber Abwasser mit Ausscheidungen dieses Trägers oder mehrerer Träger in die Trinkwasserversorgung gelangt sein. Wie kam es dazu?


Wurde genug aus früheren Epidemien gelernt?

Im Jahr 1892 ereignete sich in Hamburg die letzte Choleraepidemie Deutschlands. Das Trinkwasser für die Bevölkerung wurde ungefiltert aus der Elbe entnommen, an anderer Stelle wurden die Abwässer der Kanalisation wieder in die Elbe geleitet. Ein klassischer Teufelskreis.  Robert Koch äußerte bei einer Inspektion des damaligen Hamburgs "Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin." Es kam zu mehr als 16.000 Erkrankungen mit über 8.600 Todesfällen.

Seuchen wie diese waren und sind Indikatoren für desolate sozioökonomische Bedingungen:

 

Rudolf Virchow hatte diese Voraussetzungen für Seuchen 1850 anläßlich eines Typhus-Ausbruchs im Spessart untersucht. Seit etwa der gleichen Zeit war in Europa spätesten seit 1856 bekannt, dass die aus Asien nach London importierte Cholera durch verschmutztes Wasser übertragen wird. Robert Koch wies schließlich in verschmutztem Wasser den Errreger nach. Während jedoch die Abwasserentsorgung und die Trinkwasseraufbereitung unter Virchows Leitung saniert worden war, wurde in Hamburg gespart und praktisch Elbewasser in die Versorgungsleitungen gepumpt. Der Choleraausbruch endete damals an der Stadtgrenze zu Altona, das sein Wasser aus dem Landesinneren bezog.

Die Epidemie beruhte also auf krassem politischem Versagen. Zusätzlich kamen Patienten noch durch die Folgen der medizinischen "Standardbehandlung" zu Tode: Einschränkung der Wasserzufuhr und Aderlass. (Alternative Verfahren, die Patienten trinken ließen soviel sie wollten, sie sorgfältiger pflegten und auf den Aderlass verzichteten hatten deutlich bessere Ergebnisse).

Blick ins Gängeviertel in Hamburg 1893
Foto: August Schacht
Quelle: www.upload.wikimedia.org

Die heutige Standardtherapie besteht in der ausreichenden und genau bilanzierten Zufuhr von Flüssigkeit und Mineralstoffen (Elektrolyten) durch Trinken lassen oder über Infusionen. Eine antibiotische Behandlung ist meist nicht erforderlich. Wird rechtzeitig behandelt, lassen sich Todesfälle komplett vermeiden.

1991 wurde Cholera nach Peru eingeschleppt und verbreitete sich von dort nach Ecuador und Chile. Möglicherweise erfolgte die Einschleppung durch einen chinesischen Frachter, der sein Abwasser in ein Hafenbecken ablies. In Ecuador  kam es zu  über 46.000 Erkrankungen und fast 700 Todesfällen. Wieder waren es die genannten sozialen Faktoren und die Wasserversorgung, die diese Epidemie begünstigten: Das offizielle und kontrollierte Wasserversorgungssystem Ecuadors war an vielen Stellen angezapft worden und brach entsprechend häufig zusammen. Die illegale Verteilung von Trinkwasser in den Armenvierteln war wiederum nicht kontrolliert (Izurieta 2011).

Gleichzeitig trat etwas neues auf: Antibiotikaresistenz. Wie in der klassischen Evolution wurden die Keime selektioniert, die die besten Überlebenschancen hatten, diejenigen Keime, die gegen die meist unnötigen Antibiotikaanwendungen resistent waren (Weber 1994).

Wie können weitere Epidemien verhindert werden?

Virchow nannte im 19. Jh. wichtige Faktoren, die bis heute Geltung besitzen:

Impfungen sind eine zusätzliche wirksame Möglichkeit, die Erregerausbreitung zu verhindern. Wenn aber Abwasserentsorgung und Trinkwasserversorgung weiter vernächlässigt werden, bleibt die Zahl der schweren Durchfallerkrankungen (anderer Ursachen) weiterhin hoch oder steigt an, obwohl die Zahl der Choleraerkrankungen sinkt.  (Izurieta 2011)  

 

Hinweis für Reisende

Das Risiko für eine Infektion mit Cholera ist für Reisende auch in Ländern mit aktuellem Cholera-Vorkommen sehr gering. Es sollte aber grundsätzlich immer auf sorgfältige Handhygiene und sichere Trinkwasserversorgung geachtet werden.

Es steht ein Impfstoff gegen Cholera zur Verfügung, der bei Nothelfern ergänzend sinnvoll sein kann:

 

Links


Literatur

Weitere Artikel:

 

 

HEF, MG, S, 12.02.2013



Drucken

Zur Website www.gesundes-reisen.de