Fachinformationen - Stress: Tinnitus


Tinnitus: Das Klingeln im Ohr

Ohrgeräusche, auch Ohrensausen oder Tinnitus genannt, werden persönlich sehr unterschiedlich als Rauschen, Sausen, Klingeln, Summen, Maschinengeräusch uva. wahrgenommen. Das Geräusch schwankt in Lautstärke, Intensität und kann ständig oder in Unterbrechungen auftreten. Bei vielen Menschen kann Tinnitus mit einer verminderten Hörfunktion einhergehen oder dazu führen.

In Deutschland sollen fast drei Millionen Menschen an einem chronischen Ohrgeräusch leiden, 1,5 Millionen sollen „mittelschwer bis hin zur Unerträglichkeit“ leiden, über 50 Prozent der Betroffenen hätten Hörprobleme, die nur selten durch eine Hörhilfe versorgt seien. (Pilgramm 2012)

Wie funktioniert der Hörsinn?

Die Wahrnehmung des Hörens erfolgt in der Hirnrinde und nicht im Ohr. Das Ohr sendet seine unverarbeiteten Signale in das Stammhirn, wo sie mit den Meldungen anderer Sinnesorgane verschaltet werden, insbesondere mit dem Sehsinn und den Sinnen der inneren Wahrnehmung für Körperstellung, Druck, Schwingungen uva. Nach Weiterleitung der Signale ins Großhirn werden sie dort mit Erfahrungen der Vergangenheit, mit Emotionen und Erwartungen an Harmonie von Klängen zu einem Gesamtbild des Hörens verarbeitet.

Die Umschaltstation des Hörsinns im Stammhirn liegt in unmittelbarer Nähe des Atemzentrums und der Ursprünge von Nerven, denen eine besondere Bedeutung bei der Kommunikation und der Regelung der Stressreaktion zukommt. Diese Nerven sind mit dem Ohr reflexartig verschaltet. Das ist notwendig, da das Ohr in Ruhe und in Bedrohungsreaktion anders hören muss: Wenn wir "eine Stecknadel fallen hören", meldet das Ohr alle Signale, die auf Gefahr hinweisen könnten. Das ist auf die Dauer für das Hören sehr anstrengend, da die Masse der dann einströmenden Informationen keine sinnvolle Bedeutung hat und gelöscht werden muss. Sind wir dagegen "ganz Ohr", werden alle Schwingungen, die nicht denen der ruhigen menschlichen Stimme entsprechen, gedämpft. Dann hören wir zu oder genießen Harmonien. Diese Funktion unterschiedlichen Hörens wird durch zwei Hirnnerven vermitteln, die die Mittelohrmuskulatur versorgen.

Gehen vom Hirnstamm beruhigende Impulse auf das Herz und andere Körperorgane aus, weil keine Bedrohung erkennbar ist, werden diese beiden Muskeln sanft aktiv und  sorgen für ruhiges Zuhören und die Wahrnehmung sinnvoller Kommunikationssignale. Tritt jedoch Stress auf, der den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet, erschlaffen die Mittelohrmuskeln schlagartig, oder sie beginnen sich zu verkrampfen, wenn dieser Zustand sehr lange und pausenlos auftritt. In diesen Fällen meldet das Ohr Informationen über Schwingungen, die keinen Sinn ergeben. In der Hörrinde werden diese als störendes Rauschen erlebt (Tinnitus), oder bestimmte Teile der Verarbeitung der Ohrmeldungen werden abgeschaltet (Hörsturz). 

Stress oder Angst senken also die Wahrnehmungsschwelle für die Geräusche und bisher nicht wahrgenommene Ohrgeräusche werden durch diese Gefühlszustände „demaskiert“. (Guitton 2012)

Stress die häufigste Ursache von Tinnitus.

Stress ist eine Notfallreaktion, die schlagartig auftritt, wenn wesentliche Grundbedürfnisse (z.B. Sicherheit u.a.) bedroht sind, wenn die Zukunft nicht mehr planbar ist, die eigene Kompetenz schwindet und Zusammenhänge keinen Sinn mehr ergeben. Gleiche Belastungen können von unterschiedlichen Personen als willkommene Herausforderung angesehen werden und von anderen als Stress. Wenn Belastung ohne Stress angenommen werden kann, ist ein Teil des Stammhirns aktiv, der während der Ausatmung uva. das Herz beruhigt (langsamer schlagen lässt) oder dem Herzen eine wirksamere Schlagtätigkeit ermöglicht. In Stress oder Panik wird diese beruhigende Nervenfunktion abgeschaltet, was sich u.a. reflexartig in einer maskenartigen Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur äußert. Die gleichen Gesichtnerven, die hier schlagartig Spannung vermitteln, versorgen auch die Mittelohrmuskeln (Fazialis und Trigeminus Muskeln).

Zusätzlich erstarrt im Stress die Nackenmuskulatur: Es geht ums Überleben, das Gesichtsfeld verengt sich ("Tunnelblick"), und alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Kämpfen oder Fliehen. Dazu ist eine starke Verbindung von Nacken und Rückenmuskulatur nötig, die dann ein eher gelassenes Umherschauen verhindert. Dauern solche Zustände länger an, kann sich das oberste Halswirbelgelenk verziehen, was über Verspannungen zu Störungen führt, die sich wiederum negativ auf die Beruhigung der Stressreaktion und damit auch negativ auf die Normalisierung der Mittelohrfunktion auswirken können. (Porges 2008)

Mehr zur Stammhirnreaktion und Stress:

Seltenere Ursachen von Tinnitus:

Diagnose

Die eigene Wahrnehmung ist eindeutig und kann von einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt nach einer Untersuchung des Gehörgangs und des Trommelfells, einem Hörtest sowie Druckmessungen des Mittelohres bestätigt werden. Weitere Untersuchungen der Nerven- und Hirnfunktionen und der oberen Wirbelsäule können notwendig sein, wenn seltenere Tinnitusursachen ausgeschlossen werden müssen.

Günstige Beeinflussung der Störung
Die Zusammenhänge zwischen Stressreaktion und Tinnitus sind im Rahmen der Hirnforschung zunehmend gut untersucht.  Es handelt sich um die Störung des Zusammenwirkens vieler Funktion unterschiedlicher Bereiche. Eine Behandlung durch Beseitigung einer einzigen Ursache ist meist ausgeschlossen.

Bildquelle: Himmel/Gerstenberg

Wichtig:

Was können Sie selbst tun?

  1.  Die Situation, in der Tinnitus entstanden ist, verlassen und Sicherheit suchen (Stressreaktion unterbrechen, z.B. durch Arbeitsunfähigkeit). Tinnitus ernst nehmen, als Warnung, dass die Funktion eines Sinnesorganes bedroht ist. Eine abrupte Unterbrechung des Alltags ist daher gerechtfertigt.
  2. Sich sicher versorgen lassen (Unterstützung suchen) und nichts tun. Ruhe! Angenehme Atmosphäre, gedämpftes Licht, keine Informationen für das Ohr: kein Fernsehen, keine Zeitung, kein Buch, keine Musikberieselung. Das fällt oft extrem schwer, ist aber hochwirksam.
  3.  Körperfunktionen spüren und die Situation annehmen, wie sie ist. Tinnitus bekämpfen zu wollen, führt zu neuem Stress und damit zur Verstärkung der Probleme. Stattdessen sollte das wahrgenommen und gefühlt werden, was die Situation und das Körperempfinden insgesamt angenehmer gestalten könnte. Also: günstig beeinflussen und beruhigen, statt etwas wegzwingen oder wegzaubern wollen.
  4. Zuhören, sich etwas erzählen lassen. Sorge und Nähe anderer verständnisvoller Menschen genießen, ohne etwas tun zu müssen. Nur wenn das nicht möglich ist, ersatzweise gedämpft einem Hörbuch lauschen.
  5. In sich hineinhorchen, aus welchem Lebenszusammenhang heraus die Störung der Ohrfunktion aufgetaucht ist.
  6. Gedanken schweifen lassen, wie der Lebensrythmus ruhiger gestaltet werden kann und mehr entspannte körperliche Belastungen ohne Stress an Raum gewinnen können.

Was können Ärzte tun?

Ärzte können Gesprächsituationen schaffen, in denen sich Patienten aufgehoben fühlen und Stress reduziert wird. In verständnisvoller Kommunikation kann der Patient wesentliche Zusammenhänge verstehen lernen und mit dem Arzt herausfinden, wie die Zusammenhänge im Einzelfall günstig beeinflusst werden können. Z.B. durch Maßnahmen, die andere Folgestörungen stressbedingter Reaktionen lindern können. Dazu zählen häufig die passive Lösung von Muskelverspannungen und die passive Bewegung von Halswirbelgelenken, damit diese wieder in spannungsarme Positionen gleiten können. Zahlreiche spezielle physiotherapeutische Methoden sind dabei sehr hilfreich, u.a. Osteopathie, Alexander Technik und andere Methoden, die die Verspannungen der HWS lösen können.

Die Wirksamkeit folgender häufig angewandter Methoden der Akutbehandlung ist nicht belegt:

Auch bei einer neuen Intervention "Hybrid-Therapien mit einem NMDA-Antagonisten, der lokal in die Cochlea appliziert wird in Kombination mit einem gegen Angst-Symptome gerichteten Präparat" ist das Verhältnis von Nutzen und Risiko noch unklar. Angepriesen werden "magic shotguns“, die gegen krankheitsverusachende Netzwerke gerichtet seien. Ob sie mehr nutzen als schaden, muss sich erst noch herausstellen.

Günstigere Daten scheint es Stimulations-Techniken zu geben. Beispiele sind die die repetitive transkranielle Magnetstimulation, die transkutane Nervenstimulation, Neurofeedback, Stimulation des auditorischen Kortex u.a. Die meisten der genannten Verfahren haben keine höhere spezifische Wirkung als nicht-spezifisch wirkende Verfahren ("Placebo").

Sobald das Akutstadium abgeklungen ist, wäre es günstig aktiver zu werden und dafür geeignete Methoden zu erlernen. Entspannung gelingt langfristig nur, wenn gelöste körperliche Bewegung hinzutritt. Insbesondere bei Burn out (Kollaps nach langdauerendem Stress) ist eine neue, stressfreie Aktivierung erforderlich, und schließlich auch zunehmende körperliche Belastung, sofern diese als angenehm empfunden wird. Auch hierfür stehen zahlreiche wirksame Methoden zur Verfügung:

Wirksam sind vermutlich auch schonendere Verfahren, mit denen versucht wird, ein chronisches Problem, ähnlich wie im Umgang mit langanhaltenden Schmerzuständen, günstig zu beeinflussen.

Eine Besserung des Tinnitus kann auch darin bestehen, dass das störende Geräusch zwar nicht völlig verschwindet, aber es gelingt, Stammhirnfunktionen, die bei der Stressregulation eine Rolle spielen, zu harmoniseren. Die Hörrinde kann aktiv lernen das Störgeräusch zu überlagern und so die Wahrnehmung scheinbar zu unterbrechen. In diesem Fall ist das Ohrgeräusch im Alltag verschwunden, kann aber wieder auftreten, sobald die Alltagsaufmerksamkeit nachläßt (z.B. bei Erschöpfung oder bei erneutem Stress). Einige therapeutische Programme oder Geräte trainieren diese Funktion der Tinnitusüberlagerung, die dann sehr effizient lindernd wirken können, wenn stressbedingte Störungen der Lebensumstände gleichzeitig günstig beeinflusst werden.

Wenn seltene, spezielle Ursachen vorliegen (Akustikusneurinom), können diese gezielt (ggf. operativ) behandelt werden.

In jedem Fall ...

... erfordert die Betreuung und Begleitung von Patienten mit Tinnitus ein multidisziplinäres Team mit vielen Sichtweisen. Systemisches Coaching, Verhaltensbeeinflussung, Physiotherapie, Bewegungs- und Entspannungsmethoden, Retraining-Therapien können und müssen zusammenwirken. Heilung, im Sinne einer definitiven Problembeseitigung, durch eine gezielte Intervention, wäre meist ein unrealistisches Ziel. Allerdings können gestörte Zusammenhänge unterschiedlicher, miteinander verbundener Systeme sehr günstig beeinflusst und Leidensdruck wirksam gelindert werden. Das Auftreten eines Tinnitus ist ein Warnsignal für zu hohe Belastungen oder die fehlerhafte Verarbeitung im Umgang mit Belastungen, was auch zu anderen Organschäden führen könnte. In einem vertrauensvollen Gespräch mit Therapeuten oder in Gruppen mit anderen Betroffenen können Patienten ursächlich wirkende Zusammenhänge verstehen lernen. Und sie können Ideen entwickeln für Handlungen, die geeignet sein könnten, ihre Lebensgestaltung nachhaltig zu verändern.

Literatur

Weiter

 

 

HEF, 02.01.2013



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