Reiseinformationen - Therapie: Botox


Faltenfrei im Urlaub

Matthias Günther, Helmut Jäger

Bildquelle: Till Bartels

Die Touristik wirbt mit Faltenglättungen im Urlaub

und hat damit offenbar Erfolg. Die Suchbegriffe "Faltenfrei" und "Urlaub" ergaben im Oktober 2011 bei Google 81.000 Einträge.

So könnten sich Urlauber, quasi im Angesicht der Sphinx, von ihren Falten befreien lassen. Das „Sphinx-Gesicht“ in der Medizin bisher ein Synonym für das myopathische Gesicht mit maskenartigem Ausdruck, halbgeöffnetem Mund, dicken Lippen, Unfähigkeit zum Stirnrunzeln und Augenschließen könnte daher bald zu einem stehenden Begriff für missglückte Botox-Applikationen während des Urlaubs werden.

Um was geht es?
Das Gesicht ist neben der Stimme das wichtigste Kommunikationsorgan des Menschen. Seine Erscheinungsform verändert sich mit dem Alter. Muskeln, die häufig betätigt werden, ziehen Hautbereiche in charakteristische Falten. Wer viel lacht bildet andere Falten aus als jemand, der sehr traurig und niedergeschlagen durchs Leben zieht. Das Gesicht beginnt mit zunehmenden Jahren die gelebten Erfahrungen zu spiegeln und offenbart anderen daher zunehmend Persönlichkeitsmerkmale, die mit einem jugendlichen Gesicht leicht überspielt werden können. Auf manche gelebten Erfahrungen könnte man rückblickend allerdings auch gut verzichten. Im natürlichen Alterungsprozess lässt die Elastizität der stützenden Kollagenstrukturen der Haut nach. Dieser Prozess wird beschleunigt durch Nikotin, Stress, Adipositas und konsumierende Krankheiten. Um dem Gesicht eine jugendlichere Form zu verleihen, werden in bestimmten Regionen, die für den Kontakt mit anderen eine Signalwirkung ausstrahlen (Lippen, Mundwinkel, Umgebung der Augen) mit sehr feinen Nadeln Unterspritzungen vorgenommen. Im Ergebnis erscheinen die betroffenen Hautareale gestrafft, die für die Person bis dahin charakteristischen markanten Gesichtsstrukturen werden abgeflacht. Die Beweglichkeit des Gesichtes, die Mimik wird maskenhaft eingeschänkt, es kann unter Umständen attraktiver wirken, "bildschön".

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Nach den Injektionen zeigt sich ein erster „Lift“-Effekt nach etwa drei Tagen. Die Wirkdauer insgesamt hält etwa vier bis sechs Monate an. Kurzfristige, bei sachgerechter Ausführung sehr seltene Risiken bestehen in allergischen Reaktionen oder Blutergüssen. Bei ungenügenden Hygienestandards sind auch Wundinfektionen oder - wenn die Maßnahme im Ausland unter unhygienischen Bedingungen erfolgt - Übertragungen von Hepatitis B-, C- oder HI- Virus möglich.

Auswirkungen von Botox auf die Verarbeitung von Emotionen
Die Nervenversorgung des Gesichtes und die Steuerung der Versorgung innerer Organe bildet eine funktionelle Einheit. Der sensible und der motorische Gesichtsnerv (N. facialis und N. trigminus) stammen wie der Hauptversorgungsnerv der Organfunktionen (N. vagus) aus der Gruppe der sogenannten Kiemenbogennerven, die eine neue Aufgabe erhielten, als weit entfernte Urahnen aus dem Meer an Land krochen.
Während Schlangen nur mit drei "Worten" kommunizieren können (Beißen, Fliehen, Totstellen), kann die Sprache der Emotionen solche Primitivreaktionen ausbremsen, um anderen Artgenossen die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen.
 
Emotionen können also als die Folge einer Bewertung innerer und äußerer Informationen beschrieben werden: "Gut oder schlecht für mich". Diese so wichtige Interpretation der Welt wird innerhalb der Säugetierfamilie anderen durch Nerven und Muskeln vermittelt, die den Nacken, das Gesicht, den Rachen und den Kehlkopf versorgen. Damit können Tiere schnüffeln, piepsen und schlucken, und Menschen vermitteln weltweit auf die gleiche Weise Angst, Wut, Trauer, Ekel, Langeweile, Überraschung und Freude.

Botoxinjektionen im Gesicht scheinen zu einer vorübergehenden, milden Form der Blindheit gegenüber Signalen zu führen, die aus sozialen Zusammenhängen der Welt stammen (Havas 2010). Bei 40 Frauen, verlangsamte sich nach Botoxinjektionen in den M. currugator supercilii (s.o.) deutlich die Geschwindigkeit des Lesens negativ geladener emotionaler Sätze, wie "taumelnd nach der heftigen Auseinandersetzung mit diesem halsstarren Idioten, schlägst du die Autotür zu". Offenbar scheint die Verarbeitung emotionaler Informationen die Rückkopplung zu unbewusster muskulärer Aktivierung zu benötigen. Nervenaktivität ist offenbar in einem Kreis der Erregung eng mit Bewegungsaktivierung verbunden, und umgekehrt.

Erkrankungen, die die Nervenleitfähigkeit herabsetzen (Demyelinisierungsstörungen), Narkosemittel und Gifte wie Botox greifen in diesen Zusammenhang nervaler und muskulärer Rückkopplung ein, was zu meßbaren psychologischen Veränderungen führt. Der Körper mit dem Zusammenspiel von Nerven und Muskeln in all seinen feinen Nuancen kann als ein Speichermedium für Emotionen verstanden werden.

Wenn eine Person eine bestimmte Körperhaltung einnimmt, die bei ihr typischer Ausdruck eines Gefühls ist, so kann dieses Gefühl induziert werden, indem man die Person dazu bringt, genau diese Körperhaltung einzunehmen. Umgekehrt, wird diese Körperhaltung verhindert, so hindert man den Probanden daran, die jeweilige Emotion zu empfinden. Sehr schön konnte dies bereits 1988 gezeigt werden. Personen die einen Stift quer mit den Zähne halten mussten, so dass sie automatisch die Lippen „lächelnd“ auseinander zogen, bewerteten einen Cartoon als lustiger, bzw. verstanden den Witz besser als es diejenigen taten, die den Stift mit den Lippen statt mit den Zähnen halten mussten und demzufolge zu einer weniger heitere Mimik gezwungen waren. Sätze mit unangenehmen Inhalt wurden von denjenigen, die am Lächeln gehindert wurden besser verstanden als von lächelnden Lesern. Innerhalb eines komplexen sozialen Gefüges sind unsere Mimik, Gestik, Körperhaltung und -bewegungen wie Farbgläser einer Brille durch die wir die Realität wahrnehmen. Entweder z.B. positiv getönt unter Ausblendung negativer Aspekte, oder umgekehrt.

Auch unser Gegenüber wird durch unsere Mimik beeinflusst. Spiegelneurone helfen, den Gesichtsausdruck anderer richtig zu deuten. Diese Nervenzellen bahnen im Gehirn beim bloßen Betrachten eines Vorgangs die gleichen Signale, wie sie entstünden, wenn man den Vorgang als aktiv Handelnder ausführen würde. Dem freundlichen Gesicht begegnen wir freundlich. Unsere Mimik passt sich unbewusst der des anderen an. Dieser Effekt der Spiegelneurone ermöglicht uns den Angleich an Mimik, Gesten und Körperhaltung des anderen, indem wir ihn ein Stück weit mit unserer eigenen Körpersprache „spiegeln“. Vor allem die Bewegungen der Hände und die Mimik, hier vor allem die mimische Muskulatur des Mundes, vielleicht auch der Augenwinkel, werden von den Spiegelneuronen registriert. Daraus ergibt sich, dass die Gefühle des anderen über den Weg der gemeinsamen Körperhaltung emotional nachempfindbar gemacht werden. Über diesen Weg entsteht Empathie. Empathie kann nicht durch ein bloßes mechanisches „Nachäffen“ erreicht werden, sondern entsteht im Fluss der Kommunikation ganz von selbst. Sie ist keineswegs nur ein passiver oder starrer Vorgang mit einer Person als Sender und einer Person als Empfänger.

Nun stelle man sich vor, dass einen das Gegenüber gar nicht richtig spiegeln kann, weil die Mimik nach Botoxgabe wie festgefroren ist. Her gilt: keine gemeinsame Körperhaltung, also auch kein gemeinsames „Einschwingen“ auf den anderen und damit keine Empathie. Wenn unsere mimische Muskulatur durch künstliche Lähmung daran gehindert wird zu „spiegeln“, dann haben wir auch Schwierigkeiten damit, die Gesichter anderer Menschen zu lesen, d.h. zu deuten.

Mit diesem Problem sind beispielsweise Patienten, die an einer Psychose leiden, öfter konfrontiert als Gesunde. Neutrale Gesichter werden von ihnen statistisch gehäuft negativ gedeutet und freundliche Gesichter öfter als neutral verkannt (Kohler 2003). Kein Wunder, dass es im Alltag dann zu „atmosphärischen Störungen“ mit den lieben Mitmenschen kommt. Das „Spiegeln“ ist nötig, um die vielfältigen Signale, die von der anderen Person ausgehen zu entschlüsseln. Manche Erkrankungen wie das Moebius Syndrom führen völlig unfreiwillig zu mimischer Starre. Hier besteht aufgrund vielfältiger Lähmungen von Gesichtsnerven die Unfähigkeit zu Lächeln oder zu Zwinkern. Moebius-Patienten können keine Gefühle mehr mimisch ausdrücken. Damit sind diese Patienten nicht fähig ihre Empfindungen anderen mitzuteilen und sind dadurch auch unfähig, auf die Gefühle ihres Gesprächspartners so zu reagieren, dass er sich "verstanden" fühlt. Die Erkrankung geht nicht selten Hand in Hand mit schweren Kommunikationsstörungen und neuropsychiatrischen Auffälligkeiten. Isolation, Einsamkeit, Depression und erhöhte Suizidabilität können die Folge sein.

Fragen, die sich jede/jeder vor Botox-Gabe stellen sollte, am besten gemeinsam mit einer vertrauenswürdigen Person, Fragen, die auch den konsultierten Arzt interessieren sollten, sind daher:

Das Motiv?
Eine neue starke, jugendliche und erotisch ausstrahlende Maske erhöht offenbar vorübergehend den "Marktwert" und damit das Selbstbewusstsein. Es scheint sich dafür zu lohnen, eine verminderte Ausdruckskraft der Mimik in Kauf zu nehmen. Einen ähnlichen Effekt begegnen wir auch in der Mode. Die Mode hilft, sich selbst so darzustellen, dass man in den Augen seiner Bezugsgruppe möglichst vorteilhaft und begehrenswert erscheint. Auch um den Preis, dass Individualität verloren geht. Hier ist eher Uniformität angesagt, es geht weniger um die einzelne Person, sondern darum, einem bestimmten Typus zu entsprechen.
Erotik hat sich als Kommunikationsform wesentlich später entwickelt als die Sprache der Emotionen. In der Mythologie kam Eros als der Begleiter der Muttergöttin Gaia in die Welt, und dieser Macht zu Ehren trugen unsere Urahnen vor 40.000 v.u.Z. magische Symbole, die sie gegenüber dem Höhlenbären unbesiegbar machen sollten.

Die Brüder des griechischen Eros hießen nicht etwa Sex und Erfüllung, sondern Sehnsucht und Verlangen (Himeros und Pothos). Mann und Frau im Räuber-Jäger-Sammlerparadies lernten Geschlechter-Rollen, damit sie nicht ständig neu aushandeln mussten, wie im Lager Suppe zu kochen oder in der Ferne Mammuts zu jagen sind. Es wurde im Laufe der Zeit zutiefst verinnerlicht, was zu tun ist, um als Beute bringender Held oder als eine ideale, begehrte Standortmanagerin zu gelten. Mit einer sanften und manchmal auch rasenden Mutter und einem gewaltigen, brutalen, aber nicht sehr hellen "Stier" von Mann (der nichts fürchtete, außer dass ihm der Himmel auf den Kopf fiele), ließen sich anscheinend überlebensfähige Stammesstrukturen etablieren. Etwas später erwuchs neben der Mutter die Geliebte, die den Jäger belohnte (die Göttin der Liebe, des Krieges und der Jagd) und der zärtliche, potente und frei herumstreifende Frühlingsgott (Adonis u.a.), der liebevoll befruchtete, aber immer wieder sterben und betrauert oder kastriert werden musste, bevor er alt und grau werden konnte. (Neumann 1949 / 2004)


Diese Phase der Menschheitsentwicklung dauerte länger als alle nachfolgenden, deshalb ist ihr Wertesystem in uns eingebrannt, wie jeder Blick in die Männer- und Frauenzeitschriften im Bahnhofskiosk belegt. Auch heute geben moderne Helden alles und stehen beim Fußball oder Formel-1-Rennen im höchsten Ansehen mit großen Chancen bei ihren Groupies. Frauen präsentieren sich weiterhin als Objekt der Begierde für das kein Opfer zu groß erscheint. Jeder Hollywoodstreifen variiert dieses Thema. Nur das was vor dem Happy End an Strapazen geschieht, hat dort Bedeutung, weniger das was danach im Alltag kommen mag. Für die Macht der Erotik lohnt sich die Quälerei mit Botox, Chirurgie, Diäten und intensiver Trendsuche. Während die Rollenverteilungen in einer grauen oder virtuell sexualisierten Gesellschaft zerbröseln, braucht es starke Reize, wie schön gestylte Gesichter und Körperformen, damit die alte Erotik sich nicht als Randerscheinung verliert.

Nichts ist ernster als reine (Botox-)Schönheit.

Wir halten den scheinbar bequemen Weg zu „faltenfrei im Urlaub" aus vielen Gründen für riskant und raten davon ab.

 

Vollständiger Artikel und Literatur

Links

 

HEF, MG, 10.08.2012



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