Reiseinformationen - Amae


Amae und die Verzweiflung

Die Katastrophe in Japan besitzt einen psychologischen Aspekt, der für Europäer nur schwer zugänglich ist:
Japaner scheinen über die Fähigkeit zur Wahrnehmung eines Gefühl zu verfügen, das uns fremd erscheint.

Der japanische Philosoph Takeo Doi (1) nannte dieses handlungsleitende Gefühl "Amae". Sehr grob könnte man es mit "mütterlicher Geborgenheit" übersetzen, einem inneren Zustand, der sich aus dem Vertrauen in eine sichere Abhängigkeit von sozialen Kontakten vermittelt. D.h. ein Gefühl, das tief verletzt werden kann, wenn sich diese Beziehungen auflösen.

Dann folgt auf Amae die Verzweiflung.


Gefühle zu empfinden und sie Artgenossen zu vermitteln ist die entscheidende Fähigkeit, die zur Überlegenheit der Säugetiere gegenüber den Sauriern und Schlangen geführt hat. Säugetiere können Fluchtreflexe und Aggression dämpfen und friedlich miteinander kommunizieren. Der Mensch kann das besonders gut. Unsere elementaren Bewertungen Gut-für-mich, Schlecht-für-mich und die grundlegenden Gefühle sind bei allen Personen unserer Art weltweit gleich: Angst, Trauer, Wut, Ekel, Überraschung und Freude. Auch die damit verbundenen Muskelreflexe, die  zu unterschiedlicher Mimik oder Körperhaltungen führen können, unterscheiden sich nicht. Menschen unterschiedlicher Kulturen können aber, wenn die Gefühle nicht zu stark sind, sehr unterschiedlich damit umgehen.

In Fernsehbildern aus Japan fallen häufig zwei Verhaltensweisen auf: Menschen, die an Husten-Schnupfen-Heiserkeit leiden tragen einen Mundschutz und Einwohner einer Region, in der der Tsunami alles weggespült hat, stehen scheinbar gefaßt, ruhig und diszipliniert in einer Schlange, um auf Wasser- oder Nahrungszuteilungen zu warten. Beides drückt den kulturell, in sehr früher Kindheit erworbenen Respekt vor den sozialen Beziehungen aus, vor dem Wohl der anderen, die durch zu große Gefühlsausbrüche nicht belästigt werden sollen.

Amae ist aber mehr als Zurückhaltung bei Gefühlsäußerungen. Es erfüllt die Funktion eines Sicherheitskonzeptes. Andere Kulturen bieten psychische Stabilität durch religiöse Vorstellungen einer steuernden, aber auch beeinflussbaren Gottheit oder die Vorstellung der hohen Kompetenz eines freien "Ich", der "Lonely Cowboy Mentalität". Diese beiden, uns so vertrauten Vorstellungen fehlen bei den meisten Menschen in Japan.

Was ist Amae?

In seinem Vorwort zum Klassiker von Takeo Doi fasst E. Hollenstein das Prinzip schlaglichtartig zusammen

Amae, die Lust das fröhliche Baby einer großen Mutter sein zu dürfen, steht nicht im Widerspruch zur Leistungsforderung: die Mutter ist streng, setzt klare Grenzen und sagt was zu tun ist.

Um Amae zu erleben, sind nicht nur engvertraute Personen erforderlich, sondern auch Rituale der Verbundenheit und Orte, an denen solche Rituale zelebriert werden können: ein Garten, ein Schrein, ein Haus, ein vertrauter Platz, der ein sich Versenken ermöglicht, oder an dem man sich mit anderen trifft. Alles das ist in Japan bei vielen Menschen zerrissen worden und weggespült.

Guanxi

In China wird ein Amae vergleichbares Gefühl beschrieben. Guanxi ist mit einem Glücksgefühl verbunden, wenn das „Selbst“ als Teil eines harmonischen, komplexen Beziehungsgeflechtes klingt. Guanxi erfordert einen regen und ständigen gegenseitigen Austausch in einem dynamischen, mehrdimensionalen, lebenden Netzwerk, in dessen Zentrum die Familie steht. Zur Peripherie hin lockert es sich in den engeren Freundeskreis und dünnt sich schließlich wie eine Wolke aus, hin zu den Geschäftspartnern, Bekannten, Schülern oder Fremden, die nur sehr dosiert so viel geistige und materielle Leistungen erhalten, wie sie es wert zu sein scheinen. Wenn jemand „sein Gesicht verliert“, hat er in China nicht unbedingt eine Lähmung eines Gesichtsnerven erlitten, sondern sieht mit Entsetzen, wie sein lebensnotwendiges Beziehungsgeflecht wegbricht.

Kultur formt die Biologie

Amae und Guanxi sind nicht angeboren: es gibt dafür kein Gen.

Aber Amae und Guanxi werden offenbar so früh kulturell eingeprägt, dass sie die Hardware des Hirns verändern (2-4): u.a. konnten Studien zeigen, dass bei Nordamerikanern belohnende Hirnzentren aktiv werden, wenn man den Versuchspersonen sehr starke autonome Körperhaltungen oder Verhaltensweisen demonstrierte. Bei Menschen aus Ostasien leuchteten eher die entsprechenden Kontroll- und Gefühlszentren in den Scannern auf, wenn die vorgeführten Körperhaltungen und Verhaltensweisen Abhängigkeit vermittelten.

Das Gefühl von Amae wird durch die nuklearen Horrormeldungen und beschwichtigenden Botschaften, denen die Menschen im Norden Japans gerne glauben würden, aber offenbar nicht glauben können, immer tiefer erschüttert.

Die menschliche Tragödie ist daher noch unfassbarer als wir, die wir weit entfernt in scheinbarer Sicherheit leben, erahnen können.

Literatur

  1. Takeo Doi, Amae - Freiheit in Geborgenheit, Suhrkamp, 1982, ISBN 3-518-11128-0
  2. Jonathan B. Freeman: Culture shapes a mesolimbic response to signals of dominance and subordination that associates with behavior. NeuroImage 47 (2009) 353–359
  3. Beth Azar: The burgeoning field of cultural neuroscience is finding that culture influences brain development, and perhaps vice versa. 2010, American Psychological Association Vol 41 (10) 44
  4. Ying Zhu et al: Neural basis of cultural influence on self-representation, NeuroImage 34 (2007) 1310–1316

HEF, MG, 03.08.2012



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