Reiseinformationen - Warum wirkt "Nichts?"


Warum wirkt "Nichts?"

Erfolg oder Mißerfolg einer Behandlung hängen nicht nur ab von ihrem Inhalt. Scheinbare Nebensächlichkeiten machen einen großen Teil der Wirkung aus: z.B. die Art des Empfangs in der Arztpraxis, der Geruch des Wartezimmers, der Handkontakt mit der Ärztin, die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit der Gesprächsführung, der Blick der Arzthelferin bei der Rezeptübergabe und die Farbe der Dragees oder die Art wie eine Tablette im Glas sprudelt.

Nicht-spezifische Effekte begleiten alle Heilmethoden, und ihre Auswirkungen werden immer besser verstanden. Dieses neue Wissen um die Zusammenhänge von Hirn, Körper und Immunsystem könnte zu einem Wertewechsel im Gesundheitsbereich führen: zu mehr vertrauensvoller und offen gleichberechtigter Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten.

Pausen, Gesten, Mimik, Stimmlage, Berührung und viele andere Aspekte menschlicher Beziehungen können souverän, transparent und wirksam bei Patienten eingesetzt werden, wenn die dafür nötigen Kommunikationstechniken angewandt werden. Eine Täuschung des Patienten (Placebo) ist dafür nicht erforderlich. Ein/e Therapeut/in kann Sicherheit vermittlen und eine Atmosphäre schaffen, in der sich Angst und Stress lösen. Sie oder er kann präzise Fragen stellen, um Zusammenhänge zu verstehen oder auch aufmerksam, wach und geduldig abwarten. Das was dann in der Patientin oder dem Patienten ausgelöst wird, ist therapeutisch wirksam: über sich nachdenken, sich fühlen oder etwas in sich spüren u.a..

Nicht-spezifische Effekte können allerdings auch  gezielt und täuschend eingesetzt werden im Marketing von Produkten oder Dienstleistungen oder bei der Medikalisierung von Lebensproblemen mit gefährlichem "CRAP" (consumer receptive alternativ preparations). Um Geschäftemacherei von nützlichen nicht-spezifischen Effekten zu unterscheiden, müssen Untersuchungen zur Qualitätssicherung die Art der Anwendung von Produkten oder Dienstleistungen berücksichtigen und auch nicht-spezifische Auswirkungen der Anwendung beobachten, z.B. ob langfristig Ausgaben für Behandlungen eingespart wurden.

Und noch ein dritter Gesichtspunkt ist von Bedeutung: Nicht spezifische Wirkungen können, wenn sie nicht beachtet werden, zu vermeidbaren Fehlern führen. Einer von zehn Patienten in englischen Krankenhäusern erlitt Schäden, die nicht direkt mit der Erkrankung im Zusammenhang standen (1), aber meist nicht die Folge direkter Falschbehandlungen waren. Vielmehr standen die Ursachen häufig in Zusammenhängen, die durch mangelhafte Kommunikation gekennzeichnet waren, zwischen behandelnden Krankenhauspersonal untereinander und zwischen Patienten und ihren Behandlern. Um Patientensicherheit zu verbessern, müsste also "radikale Veränderung der medizinischen Kultur und der medizinischen Ausbildung" erfolgen (2), hin zu Kompetenz in menschlicher (dh. hochkompetenter) Kommunikation insbesondere unter schwierigen Bedingungen. In der Luftfahrt wurde diese Erkenntnis (im Gegensatz zur Medizin) seit längerer Zeit in Trainings erfolgreich umgesetzt (CRM - crew resource management training) (3).

Es ist an der Zeit das scheinbare "Nichts" ernst zu nehmen.

Literatur

Mehr zu "Nichts" in der Medizin:

HEF, 06.02.2013



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