Reiseinformationen - Therapie: Medizintourismus


Medizintourismus

Einführung
Nach Angaben der Kassenverbände reisen etwa 300.000 Deutsche pro Jahr in Ausland, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Für eine umfangreiche Gebiss-Sanierung lassen sich bei einer Behandlung an der bulgarischen Schwarzmeerküste leicht einmal über 20.000 € sparen, gegenüber den Kosten, die in Deutschland anfallen würden. Gründe für eine Kostensparenden Durchführung von Gesundheitsmaßnahmen, Kuren oder chirurgischen Eingriffen lassen sich leicht finden: Zahnimplantate ab 800 € statt für 1.500-4.000 €, Laserbehandlung der Augen für ein Fünftel der Kosten in Deutschland, Behandlungsangebote für Manager mit Burn-out-Syndrom, oder die Segnungen der Plastischen Chirurgie zu einem Bruchteil der hiesigen Kosten, Urlaubsreise inklusive.

Wirtschaftlicher Hintergrund
Inzwischen gilt der Medizintourismus als einer der Zukunftsmärkte mit dem größten Wachstumspotenzial. Knapp die Hälfte aller Deutschen interessiert sich nach Angaben des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts zumindest für Medical Wellness im Ausland. Aktuell besonders “en vogue” sind medizinische Behandlungszentren in Indien und Thailand. Leicht lassen sich um die 50% der Kosten, die in Deutschland für Zahnbehandlungen oder kosmetische Operationen anfallen würden, einsparen.
Von diesem Trend profitieren auch die Gastländer. In Thailand werden bereits jetzt jährlich etwa 1.4 Mio. Ausländer medizinisch versorgt; Gewinn: rund 700 Mio. €. Auch einzelne Mitgliedsländer der Europäischen Union haben die Zeichen der Zeit erkannt. Schätzungen gehen davon aus, dass allein im Jahr 2009 mehr als 250.000 ausländische Patienten, zu einem erheblichen Teil  Deutsche, zur medizinischen Behandlung nach Warschau, Krakau, Stettin oder Posen gekommen sind. Die jährliche Wachstumsrate beträgt um die 20%. Dies findet in Polen durchaus politische Unterstützung wie sich an der Etablierung eines Ausbildungsgangs für zukünftige “staatlich geprüfte Patientenbetreuer” zeigt. Große Krankenkassen zeigen sich bei einem Einsparpotenzial von bis zu 80% dem Medizintourismus gegenüber zunehmend aufgeschlossen. Auch auf der Ebene des Europäischen Parlaments existieren Bestrebungen für Medizintouristen Erleichterungen im Reiseverkehr zu schaffen.

Vorteile
Grundsätzlich ist in vielen Teilen der Welt medizinische Versorgung auf hohem Niveau möglich. Manche Länder werben mit einer „First Class Medizin“ zu „Drittwelt Preisen“. Zum Teil findet wie in Indien eine erhebliche staatliche Förderung der boomenden Branche Medizintourismus statt. Viele der Privatkliniken entsprechen einem hohen internationalen Standard; hier finden sich oft Bedingungen von denen man als gesetzlich Krankenversicherter in Deutschland nur träumen kann. Versorgung durch Koryphäen ihres Fachs, hervorragende technische Ausstattung, Kompetenz im Bereich alternativer Heilmethoden bei gleichzeitiger Exzellenz in westlicher Medizin. Pflegekräfte, die den Patienten zugewandt und ohne Zeitdruck arbeiten können. Und all dies zu weniger als dem Fünftel des Preises der deutschen Krankenversorgung.

Nachteile
Betätigungen, die während des Urlaubs gerne gepflegt werden wie Sonnenbaden, Schwimmen, ausgiebige Wanderungen, Sport oder gar Alkoholkonsum, wären unmittelbar nach – selbst scheinbar kleinen- chirurgischen Eingriffen nicht zu empfehlen und würden im Zweifelsfall von den meisten Menschen kurz nach Verlassen von Operationssaal und Aufwachstation ehrlicherweise eher als unangenehm beschrieben werden. Auch muss gewährleistet sein, dass die Patienten darüber informiert werden, dass nach bestimmten Operationen z.B. 10 Tage lang keine Flugreise angetreten werden darf. Es existieren zum Teil gravierende Schattenseiten: Kommt es zu einem Behandlungsfehler, so sind die Chancen für eine erfolgreiche juristische Aufarbeitung oder gar finanzielle Entschädigung gering. In jedem Fall besteht bei unzureichender medizinischer Qualität eine große Gefahr für dauerhafte gesundheitliche Nachteile. Besonders Angebote im Internet erlauben kaum eine Unterscheidung zwischen hochwertiger und mangelhafter Versorgungsqualität. Werden Angebote lediglich über das World Wide Web und nicht über gezielte Werbung (mittels Zeitungsanzeigen oder Informationsbroschüren) in Deutschland gemacht, so können Rechtsstreitigkeiten nicht ohne weiteres von Deutschen Gerichten entschieden werden. Zudem ist fraglich, ob die behandelnden Ärzte in Besitz einer angemessenen Berufshaftpflichtversicherung sind. Günstige Preise für Operationen lassen sich mitunter nur erzielen, wenn erheblich an den Materialkosten gespart wird. Die Verwendung von Badeschwämmen in Thailand oder von mit Kochsalzlösung gefüllten Kondomen in Tschechien zwecks Brustvergrößerung sind besonders extreme Beispiele für Missstände in diesem Bereich. Auch im Falle einwandfreier Materialien sind Nachlässigkeiten im Bereich der Krankenhaushygiene eine besonders häufige Ursache von Komplikationen während oder nach einer Behandlung im Ausland. In vielen Angeboten findet sich trotz der Beteuerung “Deutscher Standard” kein mit der Mehrzahl der Kliniken in Deutschland vergleichbares Maß an Qualitätsmanagement und technischer Sicherheit (z.B. TÜV-Zertifikate).

Oft verdrängt bei der Entscheidung für oder wider einen Eingriff im Ausland wird ein weiterer Faktor: Die “Operierfreudigkeit” der Chirurgen ist bei einer bereits im Voraus bezahlten Reise ins Ausland erheblich größer als unter vergleichbaren Bedingungen in Deutschland. Um den Patienten “nicht zu enttäuschen” werden schnell einmal Eingriffe bei Risikopatienten durchgeführt, die unter anderen Bedingungen rasch von der Operationsliste gestrichen worden wären.

Aktuelle Situation
Ähnlich wie im klassischen Tourismus wird auch bei der Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen im Ausland zwischen Pauschal- und Individualreisenden unterschieden.
Man kann selber recherchieren. Doch längst braucht man sich nicht mehr um alles selber kümmern; dies wird inzwischen von auf Medizintourismus spezialisierte Reiseagenturen übernommen. Auch Phänomene von Massenmedizintourismus werden bereits beobachtet. In einer türkischen Augenklinik werden monatlich um die 1.200 Deutsche einer Laserbehandlung unterzogen. Besonders Indien dürfte sich zukünftig Chancen auf Marktführerschaft ausrechnen können. Das Wirtschaftsberatungsunternehmen McKinsey schätzt, dass der Medizintourismus Indien bis zum Jahr 2012 jährliche Einnahmen von etwa 2,2 Mrd. US-Dollar einbringen könnte. Im Vordergrund stehen hierbei “all inclusive Angebote”, die vom Abholen vom Flughafen, über die Bedienung am Krankenbett, internationale Speisen bis hin zum anschließenden Erholungsurlaub alles beinhalten.

Gesellschaftliche Probleme
Vor allem der Medizintourismus in Ländern wie Indien und China wirft jedoch auch ernsthafte soziale und ethische Probleme auf. Das Erbringen von Dienstleistungen gegen ausländische Währungen wird von dem indischen Staat massiv durch Subventionen gefördert. Kritisiert wird daher, dass bei einer vielfach noch unzureichenden medizinischen Versorgung der indischen Bevölkerung Privatkliniken für “reiche Ausländer” subventioniert werden. Ein weiteres ethisches Problem ist der Umgang mit “freiwilligen” Organspenden. Obwohl seit 1994 ein Gesetz in Indien den Verkauf von Organen unter Strafe stellt, finden sich genug Arme, die bereit sind, als freiwillige Lebendspender zu dienen und ihre Niere für lediglich 1.000 € zu verkaufen.

Ähnlich problematische Verhältnisse finden sich in China. Auch im Bereich der legalen Transplantationen bestehen erhebliche Benachteiligungen der ärmeren einheimischen Bevölkerungsschichten. Etwa 100.000 Inder benötigen eine Nierentransplantation und zwei Mio. leiden unter einer ernsthaften Nierenschädigung. Die Zahl der Nierentransplantationen in Indien liegt pro Jahr bei lediglich 3.000. Ungerechtigkeiten in der Zuteilung der zur Verfügung stehenden Organe zugunsten reicher Ausländer sind dabei vorprogrammiert. Je mehr der Medizintourismus in Indien boomt, umso mehr Ärzte werden gebraucht. Da es sich um hervorragend bezahlte Stellen handelt (für indische Verhältnisse), werden zunehmend Ärzte aus dem weniger gut bezahlten öffentlichen Gesundheitswesen, vor allem aus Kliniken in ländlichen Gebieten und Kleinstädten, abgezogen. Darunter leidet wiederum vor allem die ärztliche Versorgung der ärmeren Bevölkerungsteile. Indien gilt bereits jetzt mit nur 60 Ärzten pro 100.000 Einwohner als erheblich unterversorgt. Auch mit Umweltbelastungen in Umkreis der Privatkliniken muss gerechnet werden. Eine große Einrichtung kann bis zu zwei Mio. Tonnen Müll pro Jahr produzieren. Ein beträchtlicher Anteil dieser Abfälle wird verbrannt und belastet die Luft mit Schadstoffen (Schwermetalle, Feinstaub, Dioxin etc.). Die Kosten für eine umweltgerechte Entsorgung der Abfälle sind in den Pauschalangeboten für Medizintouristen nicht enthalten.

Fazit
Der internationale Medizintourismus bietet Chancen für eine kosteneffiziente und serviceorientierte Versorgung, die den Patienten im günstigsten Fall auch das Gefühl vermitteln kann, gut aufgehoben zu sein und mit menschlicher Wärme und Anteilnahme behandelt zu werden. Dies kann jedoch auf verlässlicher Basis nur dann gelingen, wenn einheitliche, verbindliche und streng kontrollierte Qualitätsstandards etabliert werden.
Dies beinhaltet auch einen fairen Umgang mit den Interessen und Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung.
 

Publikation

Links

 

RMZ, 17.10.2012



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