Reiseinformationen - Medikamente: Probiotika


In uns und auf uns leben mehr  Bakterien als wir Körperzellen besitzen. Diese sog. Tischgenossen umgeben die Körpergrenzen mit einem Film, der uns vor anderen unerwünschten oder gefährlichen Krankheitserregern schützt.

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Es liegt also nahe, darüber nachzudenken, ob bestimmte nützliche Bakterien oder deren Stoffwechselprodukte therapeutisch eingesetzt werden könnten. Zum Beispiel beim Reisedurchfall.

Durchfall kann durch vieles verursacht werden: Stress und Überlastung, Zeitzonenwechsel, fremde „Tischgenossen“, neue Gewürze, andere Rhythmen und schließlich auch Infektionserreger. Auf der Reise werden zudem Antibiotika aus ganz anderen Gründen eingenommen (wegen Bronchitis oder zur Malariavorbeugung), die dann das eigene Ökosystem des Körpers etwas durcheinanderbringen können oder Keime selektionieren, die mit dem neuen Stoff klarkommen.

Ein Versuch der Vorbeugung könnte sein, sich nützliche Bakterien vor und während der Reise als Nahrungsergänzung zuzuführen. Zwei von einem Hersteller finanzierte aber sorgfältige und detaillierte Studien (Searle 2009, Drakoullarakou 2009) testen eine Galacto-Oligosacharidmischung, die von nützlichen Bifidobakterien stammt. Diese Bakterien kommen bei Stuhluntersuchungen sehr häufig vor. Die Ergebnisse, der allerdings aufgrund der Finanzierung nicht wertneutralen Studien, sind durchaus vorzeigbar. Aber so einfach scheint es nicht zu sein. Wenn bei Gesunden im Darm genauer nach Bifidobakterien gesucht wird, ist ihre Menge gegenüber dem Rest des Bakteriengewimmels sehr gering (Palmer 2007). Sie also isoliert anzufüttern oder ihr Stoffwechselprodukt zu sich zu nehmen, mag daher auch nur eine begrenzte Wirkung haben.

Die Cochrane Collaboration, eine Instituion die Therapieverfahren auf wissenschaftlich nachweisbare Evidenz überprüft, hat die Wirksamkeit von Probiotikaeinnahmen geprüft. Sie ging folgender Frage nach "Probiotics könnten eine sicher Intervention bei akuter infektiöser Durchfallerkrankung sein und Dauer und Schweregrad der Symptome verringern." Nach Analyse der bisher weltweit verfügbaren Studien zu diesem Thema kommt Cochrane zu folgendem Ergebnis:

Präparate mit Probiotika sind bisher in ihrer Zusammensetzung nicht standardisiert und können von ihrem Inhalt und ihrer Qualität her sehr unterschiedlich sein. Die jetzt vorliegenden Untersuchungen erlauben daher nicht,  Probiotika neben dem Ersatz von Flüssigkeit und Salz als eine Standardtherapie des Reisedurchfalls zu empfehlen.

Eines ist aber sicher: Das eigene Ökosystem ist wichtig, und die Medizin tut gut daran, es ernst zu nehmen. Antibiotikatherapien sollten nur durchführt werden, wenn sie wirklich notwendig sind. Eine unnötige "automatische" Einnahme von Antiobiotika führt zu Resistenzen und erheblichen Nebenwirkungen (WHO 2011).

Damit der Darm ebenfalls, wie andere Organe von der Erholung während der Reise profitieren kann, lohnt es sich "auf ihn zu hören" (zunächst leise Signale zu spüren, wahr- und ernstzunehmen) und ihm Zeit zu lassen sich an Zeitzonen, Rhythmen und Belastungen anzupassen. Darm, Bakterien und Immunsystem wirken erst dann nützlich gemeinsam für das Ganze, wenn sich Belastungen nicht als Dauerstress auswirken.

Literatur

Weitere Artikel

HEF, MG, 17.10.2012



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