Reiseinformationen - Erkrankt: Magenverstimmung


Magenverstimmung auf Reisen

Einführung
Magenbeschwerden gehören zu den häufigsten Beeinträchtigungen auf Reisen. Das „flaue Gefühl“ in der Magengegend kann völlig unterschiedliche Ursachen haben. Im Bereich der Verdauungsorgane findet sich ein komplexes Geflecht von Nervenfasern, die weitgehend unabhängig vom Zentralnervensystem funktionieren. Insgesamt haben wir ein Vielfaches mehr an Nervenfasern im Darm als im Rückenmark! Nicht nur der Darm, sondern auch der Magen unterliegt zahlreichen Einflüssen durch das flankierende Nervengewebe. Stimmt etwas nicht mit der aufgenommenen Nahrung so reagiert der Darm und erstattet Meldung an das Gehirn.

Bildquelle: Werner Schönherr


Phasen der Verdauung
Die erste Phase des Verdauungsprozesses (= nervale Phase) beginnt meist bereits schon vor dem Essen. Allein der Geruch der Speisen und die Erwartung der bevorstehenden Mahlzeit lösen eine Stimulation des Nervus Vagus aus. Hierdurch wird die Bildung von Magensaft, die Freisetzung des Verdauungshormons Gastrin, angeregt. Die zweite Phase der Verdauung (= gastrische Phase) beginnt, wenn Teile der Magenwand durch die aufgenommenen Speisen gedehnt werden. Dies ist ein weiterer starker Stimulus für die Freisetzung von Gastrin, welches wiederum die vermehrte Ausschüttung von Magensäure fördert. Ärger und Stress führen durch Stimulation des Vagusnervs ebenfalls zu einer vermehrten Produktion von Magensäure und Gastrin. Die dritte Phase (= intestinale Phase) beginnt, wenn ein Teil der Nahrung den Dünndarm erreicht hat. Vor allem die Dehnung des Zwölffingerdarms bewirkt eine Ausschüttung von Sekretin, das die Magensäurebildung hemmt und die Ausschüttung säureneutralisierender Verdauungssäfte fördert. Auch das Verdauungsenzym Pepsinogen wird in dieser Phase vermehrt freigesetzt.

Dyspepsie
Unter Dyspepsie versteht man ein relativ unheitliches Beschwerdebild mit Völlegefühl, Aufstoßen, schmerzhafte Missempfindungen im Oberbauch, Übelkeit, frühes Sättigungsgefühl und Sodbrennen. Die meisten Menschen leiden in ihrem Leben über einen bestimmten Zeitraum an solchen Beschwerden. Vor allem bei jüngeren Patienten finden sich - selbst bei aufwendiger Diagnostik – bei etwa 60% keine organischen Ursachen. Daher spricht man in diesen Fällen auch von funktioneller Dyspepsie. Da die Phasen der Verdauung ein hochkomplexes Zusammenspiel von Nervenreizen, Verdauungsenzymen und äußeren Faktoren darstellen, sind diese empfindlichen Mechanismen stets in der Gefahr, aus der Balance zu geraten. Die Beschwerden können Ausdruck einer Störung der Bewegung der Magenwände und der durch die Magenfüllung ausgelösten Nervensignale sein. Bei einem Viertel bis knapp der Hälfte der Patienten findet sich eine verzögerte Magenentleerung. Bei einem Drittel bestehen Sensibilitätsstörungen der Magennerven.

Bildquelle: Irina Klein

Es können viele Faktoren zusammenwirken, die funktionelle Darmbeschwerden noch verstärken können. Bei diesen „Störfaktoren“ kann es sich um Reizungen der Magenschleimhaut durch ungewohnte Gewürze, fettreiche Speisen, Alkohol und zahlreiche andere Nahrungsbestandteile handeln.

Insbesondere Stress kann Magenbeschwerden verstärken. Der Magen arbeitet entspannt in Phasen der Sicherheit  und Ruhe.  Ist der übrige Körper aktiv oder befindet sich in einer Situation, die als erhebliche Belastung oder Bedrohung empfunden wird, ruht der Magen. Die Nerven des Magens sind autonom tätig und benötigen keine Steuerung durch das Gehirn. Dafür sind aber Impulse wichtig, die über den Vagusnerv geleitet, dem Magen vermitteln, in welchem Zustand sich das Gehirn gerade befindet. Kommen in Ruhe mit jeder Ausatmung besänftigende Impulse, kann er gemächlich Nahrung aufnehmen und zur verdauung vorbereiten. Bleiben dies Sigbnale aus, oder werden unrhythmisch oder andere Signale primitiverer Zentren des Gehirn signalisieren "Kampf oder Flucht", dann ist er in seiner Aktivität geblockt. Und wenn schließlich einmal die Angst übermächtig hochsteigt und zum Aufgeben zwingt, revoltiert der Magen und arbeite rückwärts Das geschieht auch wenn das Gehirn unterschiedgliche Infomationen verschiedener Sinnesorgane nicht übereinstimmend verarbeiten kann, z.B. wenn ein  Schiff schaukelt  ("sagt das Ohr") unter Deck  aber alles fest zu stehen scheint ("sagt das Auge").

Auch die Zusammensetzung der Mikroorganismen, die in uns leben beeinflusst den Magen. Im Magen-Darmbereich leben mehr Bakrterien, als wir Zellen besitzen. Im Magen selbst kann ein Keim (Helicobacter pylori) gut mit der Magensäure klar kommen und Entzündungerscheinungen auslösen oder unterhalten.


Therapie
Vor allem ältere Reisende sollten bei länger anhaltenden Magenbeschwerden einen Arzt aufsuchen. Hier kann auch einmal eine endoskopische Untersuchung („Magenspiegelung“) erforderlich werden. Häufig reicht es bereits aus, etwas Abstand zum Alltagsstress zu gewinnen. Hierfür kann auch das entspannungsbetonte Reisen durchaus sinnvoll sein.
Die Durchführung eine Hypnotherapie (psychotherapeutische Hypnose) führt auch nicht selten zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden. Bleiben nicht-medikamentöse Maßnahmen (Tee, Entspannungsübungen, ggf. Umstellung der Ernährung, bewusste Einnahme der Mahlzeiten) ohne Erfolg, so ist nach Ausschluss einer ernsteren Erkrankung, eine Behandlung mit „Säureblockern“ wie Omeprazol sinnvoll. Alternativ kann auch der H2-Blocker Ranitidin gegeben werden. Die Behandlung erfolgt mit einer niedrigen Dosierung und möglichst nur nach Bedarf. Auch Medikamente, die die Bewegung der Magenwände anregen wie Metoclopramid oder Domperidon können einen positiven Effekt zeigen, führen jedoch etwa bei jedem zehnten Patienten zu neurologische Beschwerden. Stehen die Symptome der Dyspepsie im Zusammenhang mit Stimmungsveränderungen, so werden gelegentlich auch antidepressiv wirkende Medikamente wie Amitryptilin mit gutem Erfolg eingesetzt. Die bei der Dyspepsie verwendeten Medikamente sind nicht für die Behandlung der Reisekrankheit (Kinetose) geeignet.

Empfehlungen

Reisen können durch eine Umstellung der Ernährung, Abwechslung von Alltagstrott und Möglichkeiten zur Entspannung auch einen positiven Effekt auf funktionelle Störungen haben. Magen-Darm-Infekte können, auch wenn es sich überwiegend um den recht harmlosen „Reisedurchfall“ handelt, bestehende Magenbeschwerden verstärken. Daher sollten Dyspepsiepatienten sehr sorgfältig auf Nahrungsmittel- und Trinkwasserhygiene achten. Besonders die Einnahme von „Säureblockern“ kann das Risiko für Magen-Darm-Infektionen erhöhen. Auch unnötige Reizungen der Magenschleimhaut können zum Beispiel durch Verzicht auf schwerverdauliche oder besonders scharf gewürzte Speisen vermieden werden. Reisende sollten eine ausreichende Menge ihrer regelmäßig benötigten Medikamente mitführen. Die gewohnten Präparate sind im Ausland oft nicht verfügbar. Besonders bei Reisen nach Asien und Afrika muss mit Medikamentenfälschungen gerechnet werden. Auch sollte bei voraussichtlicher Einnahme von (rezeptfreien) Medikamenten gegen Reisekrankheit oder von Medikamenten gegen Reisedurchfall bereits in Deutschland ein Arzt konsultiert werden, um mögliche Unverträglichkeiten mit den täglich genommenen Medikamenten gegen Dyspepsie auszuschließen.

Quellen

 

 

RMZ, SH, 28.08.2012



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