Fachinformationen - FSME Konsensus


Zur FSME-Impfung 2010
 
Die Fragen, ob eine FSME-Impfung notwenig ist und wie hinsichtlich unterschiedlicher Impfschemata verfahren werden soll, ist auch für erfahrene Reisemediziner nicht einfach zu beantworten.
Das Risiko
 
Das Risiko einer FSME Infektion abzuschätzen ist schwierig. Üblicherweise halten sich die Empfehlungen von Experten an die Zahl der Neuerkrankungen. Allerdings können gerade in Regionen mit relativ höheren Risiken Neuerkrankungsraten sinken, wenn viele Einwohner geimpft sind.
 
Österreich und Tschechei
Deutschland
 
Die Impfung
 
In Deutschland stehen zwei unterschiedliche FSME-Impfstoffe zur Verfügung:
 
Die Anwendung dieser Impfstoffe in der ärztlichen Praxis wird durch zwei Punkte erschwert:
Inkongruente Impfschemata

Soll beispielsweise ein Reisender oder Patient eine Impfung gegen Hepatitis A erhalten, so ist unabhängig vom Hersteller das gleiche Impfschema (Impfung Monat 0 und Monat 6-12) zu beachten. Ähnliche allgemein anwendbare Impfschemata finden sich für viele andere Impfstoffe unabhängig vom Hersteller. Leider sind die von den o.g. Unternehmen empfohlenen Impfschemata für die in Deutschland verwendeten FSME-Impfstoffe inkongruent. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass hierdurch tatsächlichen oder vermeintlichen (biologisch plausiblen aber Fachinfo abweichend) Fehlanwendungen in der Praxis Vorschub geleistet wird, welche wiederum (u.a.) das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient belasten können.
Die Grundimmunisierung umfasst drei Impfungen, außerdem wird nach abgeschlossener Grundimmunisierung zwischen erster Auffrischimpfung und weiteren Auffrischimpfungen unterschieden.

Die Schemata weisen Gemeinsamkeiten auf

Fehlende Übereinstimmungen:

  Encepur ® FSME-Immun®
Zeitintervall zw. 2. und 3. Impfung 9-12 Monate 5-12 Monate
Weitere Auffrischimpfungen Alter 1-11 J.: alle 5 Jahre Alter 1-15: alle 3 Jahre
Weitere Auffrischungen Alter 12-49 J.: alle 5 Jahre Alter 16-49 J.: alle 3-5 Jahre
Vergessene Auffrischimpfung >5 Jahre Alter <50 J.: 1 Impfung
Alter > 50 J.: 2 Impf. Woche: 0,4
Keine Angabe*
Vergessene Auffrischimpfung
> 10 Jahre
Alter < 50 J.: 2 Impf. Woche: 0,4 Keine Angabe*
Kinderimpfstoff 1-11 Jahre 1-15 Jahre
Schnellimpfschema Tag 0-7-21-<18 Monate existiert nicht


(*) Hinweis des Herstellers (bezogen auf die Grundimmunisierung):

„Werden die empfohlenen Impfabstände zwischen den 3 Dosen überschritten, besteht möglicherweise kein verlässlicher Impfschutz...“


Inkongruente Interpretation der wissenschaftlichen Daten

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Studien veröffentlicht worden, in denen die verfügbaren Impfstoffe eine hervorragende Immunogenität zeigten. Beispielsweise fanden sich bei 99% der Kinder, die im Alter zwischen 1-11 Jahre geimpft wurden (Schema Tag 0-7-21-<18 Monate), nach 5 Jahren noch signifikante Antikörperkonzentrationen (> /= 10) im Neutralisationstest (Wittermann 2009). Bei 99% von 222 geimpften Erwachsenen (19-51 Jahre) fanden sich 5 Jahre nach abgeschlossener Impfung (Schema: Tag 0-7-21-<18 Monate) signifikante Werte (> /= 10) im Neutralisationstest (Plentz 2009). Weitere Studien zeigten hinsichtlich Immunogenität und Langzeitpersistenz neutralisierender Antikörper ähnliche Ergebnisse (Rendi-Wagner 2007, Loew-Baselli 2006, Beran 2004). In einer Metaanalyse, in welche 6.586 Erwachsene und 1.598 Kinder eingeschlossen wurden, fanden sich (unabhängig vom untersuchten Impfstoff) Serokonversionsraten über 87% (Demicheli 2009). Schließlich zeigt die mit großem Erfolg durchgeführte Impfkampagne in Österreich (Kunz 2003), dass sich mit drei Impfungen innerhalb von Risikopopulationen Schutzraten von 96-98,7% erzielen lassen. Nach Etablierung der FSME-Impfung in der österreichischen Bevölkerung waren durchschnittlich nur 40-100 Erkrankungen pro Jahr zu verzeichnen (2007: 46, 2008: 86, bei einer Durchimpfungsrate von etwa 85%), im Vergleich zu durchschnittlich 500-800 Erkrankungen pro Jahr zwischen 1973 und 1982 (persl. Information Prof. Schmutzhard, Innsbruck). Breakthrough-Infektionen sind selten. Eine Erkrankung trotz Impfung wurde in seltenen Fällen bei Älteren beobachtet. Mit zunehmendem Lebensalter muss mit verminderter Antikörperbildung und mit erhöhten Abklingquoten bestehender Antikörperkonzentrationen gerechnet werden. Dies gilt jedoch für viele Impfungen und ist nicht nur für die FSME-Impfung, sondern beispielsweise auch für die Tetanus-Impfung beschrieben (Hainz 2005). Völlig ungeklärt ist hingegen, ob die Antikörperbildung allein zur Beurteilung des Impfschutzes hinreicht und ob nicht z.B. Defizite in der zellulären Immunität eine wesentlichere Rolle bei Breakthrough-Infektionen spielen (Kleiter 2007). Das bekannte Phänomen der Non- und Lowresponsiveness (u.a. geschlechts- und alterskorreliert) bei etwa 5-10% der Hepatitis B-Geimpften führte nicht zur Empfehlung einer generellen Verkürzung von Boosterintervallen (z.B. von 10 auf 3 bis 5 Jahre) für alle Geimpften (Sjögren 2005). Auch der in der Praxis bewährte, von der Ständigen Impfkommission (STIKO) vertretene Grundsatz „jede Impfung zählt“, wurde in den Fachinformationen der FSME-Impfstoffhersteller zumindest punktuell verlassen (siehe Tabelle, Zeile „Vergessene Auffrischimpfung“). Während es wenig Bedenken im Hinblick auf die Kompatibilität beider FSME-Impfstoffe gibt (Marth 2004), ist nicht definiert, nach welchen Kriterien bei alternierendem Impfschema (Verwendung von Encepur® UND FSME-Immun®) „weitergeimpft“ wird. Daher ist zu erwägen, bei einem Präparat zu bleiben.
 
Fazit
 
Je nach Ausmaß der Exposition, Einschränkungen des Immunsystems und/oder höherem Lebensalter können Impfabstände variiert werden und/oder Antikörpertests durchgeführt und/oder zusätzliche Impfungen gegeben werden. In entsprechenden Einzelfällen oder innerhalb bestimmter Risikogruppen (mit deutlich erhöhter Suszeptibilität und/oder deutlich erhöhter Exposition) erscheint es sehr sinnvoll, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Aber im Falle der überwiegende Mehrzahl der Geimpften sind vereinfachte und stärker an der Praxis orientierte Impfempfehlungen (ähnlich der Handhabung bei Tetanus, Diphtherie und Hepatitis B) ausdrücklich wünschenswert. Jeder Arztkontakt kann genutzt werden, um den bestehenden Impfschutz zu überprüfen und fehlende oder unvollständige Impfungen nachzuholen. Der von den Herstellern vorgegebene Rahmen erscheint besonders hinsichtlich der genannten Impfintervalle und Alterskategorien als zu starr, teilweise inkonsistent und nicht transparent genug. Empfehlungen sind aus dem öffentlich vorliegenden Datenmaterial nur unzureichend ableitbar.
  
Link
Literatur

 

MG / HEF, 30.06.2010



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