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Alter und Reisen

Südafrika, Bildquelle Irina Klein


Einführung

Der demographische Wandel, also das immer mehr zunehmende Durchschnittsalter unserer Bevölkerung, ist inzwischen nicht mehr zu übersehen. Allerdings erlaubt die Zahl der Lebensjahre nicht unbedingt einen Rückschluss auf Gesundheit und Vitalität.
Ein Sechzigjähriger, der über 45 Jahre lang Feldarbeit geleistet hat und insgesamt ein schweres und entbehrungsreiches Leben führte (zum Beispiel in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg), würde im Vergleich mit einem 60 Jährigen unserer Zeit als wesentlich älter empfunden werden. Die aktive Teilnahme am Leben gilt heute als Selbstverständlichkeit. Dazu gehört auch das Reisen. Oft nimmt die Reiselust mit dem Alter sogar deutlich zu. Viele Ältere haben nach Abschluss des Berufslebens das erste Mal die nötige Muße zu ausgiebigem Reisen.

Allgemeine Reisefähigkeit
Der Alterungsprozess ist ein allmählicher Vorgang, der von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Für die Einschätzung der Reisefähigkeit ist für den Arzt oft die Kenntnis der vorliegenden Erkrankungen wichtiger als das eigentliche Lebensalter. Neben der körperlichen Gesundheit spielen auch Faktoren wie die geistige Leistungsfähigkeit und seelische Verfassung eine Rolle. Mit in die Beurteilung der Reisefähigkeit einfließen sollte: der allgemeine Reisestil (Hochgebirgstrekking, Bildungsreise, Strandurlaub etc.), spezifische Risiken im Reiseland (Tropenkrankheiten, Luftverschmutzung, mangelnde medizinische Versorgungsmöglichkeiten) sowie die Art der Unterbringung und Infrastruktur (ggf. seniorengerechte Hotelzimmer, Barrierefreiheit in den Hotelanlagen) vor Ort. Das Gespräch mit dem Arzt kann helfen, einerseits drohende Überforderungen während einer Reise zu verhindern, andererseits aber auch eine Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten/Möglichkeiten zu vermeiden.

Spezielle medizinische Aspekte
Vor einer Reise kann durch den Hausarzt oder den behandelnden Spezialisten geprüft werden, ob die vielleicht schon lange bekannten Erkrankungen stabil sind, dass heißt z.B. durch die aktuelle Medikation ausreichend behandelt sind, oder weitere Maßnahmen erforderlich sind. Eine Reise bei Vorliegen einer instabilen Gesundheitssituation stellt immer ein Risiko dar; die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Unternehmung ist in diesen Fällen besonders sorgfältig abzuschätzen. In der Praxis kann der Arzt auch gezielt danach gefragt werden, ob weitere Tests erforderlich sind, oder ob noch bestimmte Behandlungsmaßnahmen anstehen. Mitunter werden bestimmte Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Gehhilfen benötigt. Auch fällige Zahnbehandlungen sollten besser vor als nach oder gar während der Reise durchgeführt werden. Bei Vorliegen spezieller Gesundheitsprobleme, zum Beispiel Verlust der Nierenfunktion mit Dialysebedarf, muss gewährleistet sein, dass eine Versorgung nach europäischem Standard gewährleistet ist.
Ausgehend von den bereits vorhandenen Diagnosen kann vor einer Reise erörtert werden, welche Komplikationen im ungünstigsten Fall auftreten könnten und welche medizinischen Maßnahmen erforderlich wären. Ähnlich vorausschauend sollte auch bei der Zusammenstellung der Reiseapotheke vorgegangen werden.

Bildquelle: Werner Schönherr


Reisemedizinische Beratung
Bei der Beratung durch einen Reisemediziner kann zunächst das Impfbuch auf Vollständigkeit überprüft werden. Unabhängig vom Reiseziel sollten Impfungen gegen Tetanus und Diphtherie nach Ablauf von 10 Jahren aufgefrischt werden.
Personen in sehr hohem Alter sind zum Teil während ihrer Kindheit nicht in den Genuss einer Grundimmunisierung gegen Tetanus, Diphtherie, Polio gekommen. Liegen ernste Zweifel an einer vollständigen Grundimmunisierung, so sollte diese nachgeholt werden.
Alternativ besteht auch die Möglichkeit einer Antikörperbestimmung (Tetanus- und Diphtherie-Toxoid-Antikörper, IgG, quantitativ). Bei über 60 Jährigen werden auch für Deutschland Impfungen gegen Influenza (Grippe) und Pneumokokken (häufige Erreger der bakteriellen Lungenentzündung) empfohlen. Auch bei einigen Reiseimpfungen gibt es altersabhängige Besonderheiten zu beachten. Personen, die vor 1950 geboren wurden oder bereits einmal eine “Gelbsucht” durchgemacht haben, können durch eine Antikörperuntersuchung (anti-HAV, IgG, quantitativ) überprüfen lassen, ob bei ihnen bereits eine Immunität gegen Hepatitis A vorliegt. Finden sich bei Ungeimpften Hepatitis A-Antikörper, so ist von einer lebenslangen Immunität auszugehen, auf weitere Hepatitis A-Impfungen kann in diesem Fall verzichtet werden. Bei Impfungen gegen Hepatitis B muss berücksichtigt werden, dass diese Impfung bei Älteren oft weniger gut wirksam ist. Der Impferfolg kann 4 Wochen nach der abschließenden dritten Impfung mit einer Antikörperkontrolle (anti-HBs) überprüft werden.
Impfungen gegen Masern-Mumps-Röteln sind in der Regel jenseits des fünfzigsten Lebensjahrs nicht mehr erforderlich.
Während die Wirksamkeit mancher Impfungen im höheren Lebensalter eingeschränkt sein kann, findet sich im Allgemeinen keine schlechtere Verträglichkeit. Eine gewisse Ausnahme zu dieser Regel, stellt die Gelbfieberimpfung dar. Bei älteren Personen muss - besonders im Zusammenhang mit bestehenden Immundefekten - mit einer schlechteren Verträglichkeit gerechnet werden. Als schwerwiegende Nebenwirkungen wurden bei solchen Personen weltweit einige Fälle von Organbefall durch das Gelbfieberimpfvirus (Lebendimpfstoff) und auch einzelne Todesfälle beobachtet.
Sind Aufenthalte in Malariagebieten geplant, so müssen bei der Auswahl des geeigneten Malariamedikamentes auch altersrelevante Faktoren berücksichtigt werden. Besteht im höheren Alter eine Nierenfunktionsstörung, so muss bei Anwendung des Medikamentes Malarone® eine Dosisanpassung erfolgen. Bestehen Herzerkrankungen oder werden Medikamente eingenommen, die den Herzrhythmus beeinflussen können, so sollte die Einnahme von Lariam® vermieden werden. Dies gilt auch im Falle bestehender neurologischer/psychiatrischer Beschwerden.

Anreise
Bei Flugreisen kann das Mitführen bestimmter Medikamente (z.B. Betäubungsmittel) sowie die Mitnahme von Spritzen und Kanülen zu Problemen führen. Oft sind mehrsprachige ärztliche Bescheinigungen - idealerweise in der Verkehrssprache des Reiselandes - erforderlich. Für bestimmte Geräte, zum Beispiel Apparate zur Messung der Blutgerinnung, ist eine gesonderte Zollerklärung erforderlich. Vor allem eventuell erforderliche Medikamente zur Behandlung von Notfällen (z.B. Asthmaanfall) gehören ins Handgepäck. Außerdem können im Laderaum von Passagierflugzeugen Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes auftreten, wodurch die Wirksamkeit bestimmter Arzneimittel und Impfstoffe stark beeinträchtigt werden kann.
Auf Langstreckenflügen sollte auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden. Dies kann in Verbindung mit dem Tragen von Kompressionsstrümpfen und ausreichend Bewegung während des Fluges das Risiko einer Reisethrombose verringern. Im Falle schwerer Grundkrankheiten, früherer Thrombosen oder familiärer Thromboseneigung kann zusätzlich eine “Blutverdünnung” mit Heparin erforderlich werden. Die “blutverdünnenden” Eigenschaften von Acetylsalizylsäure sind nicht ausreichend für die Prophylaxe einer tiefen Beinvenenthrombose.

Bildquelle: Werner Schönherr


Am Urlaubsort
Nach der Ankunft im Hotel kann bereits zu einem frühen Zeitpunkt geklärt werden, an welchen Arzt vor Ort man sich im Falle plötzlicher Gesundheitsprobleme wenden könnte. Grundsätzlich gilt: Bei jedem auftretenden Fieber, stärkeren Durchfallerkrankungen oder plötzlicher Verschlechterung des Allgemeinbefindens sofort einen Arzt aufsuchen. Ist es am Urlaubsort zu gesundheitlichen Problemen gekommen, ist eine zusätzliche ärztliche Untersuchung nach der Heimreise ebenfalls zu empfehlen. Besonders in den ersten Tagen am Urlaubsort sollten Anstrengungen, z.B. Bus-Touren oder Ausflüge, vermieden werden.

Reisen bieten vielfältige Gelegenheiten körperlich und geistig neue Kraft zu schöpfen. Hierzu können das Erleben von Natur, der Austausch mit anderen Menschen und das Genießen abwechslungsreicher Speisen beitragen. Unnötige Aufregungen sollten jedoch vermieden werden. Zur Abrundung kann ein leichtes Bewegungstraining mit Schwimmen, Wandern und Gymnastik während aber auch nach der Reise in den Tagesablauf integriert werden.

Fazit
Auch in hohem Alter sind Reisen bei entsprechender Planung und Vorbereitung möglich und können sogar dazu beitragen, neue Energie und Lebensfreude zu schöpfen.

Quelle

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RMZ, 25.10.2012



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