Fachinformationen - Erkrankt: Was tun bei Kontakt mit unsauberen Kanülen?


Postexpositionsprophylaxe (PEP):

Vorgehen bei Verdacht auf berufliche HIV- oder Hepatitis B- / C- Virus-Exposition

Im Gesundheitswesen tätige Personen sollten in regelmäßigen Abständen über geeignete Schutzmaßnahmen im Umgang mit infektiösem Material unterrichtet werden. Der Arbeitgeber ist gesetzlich verpflichtet, Fortbildungsmaßnahmen zum Thema Hygiene und Infektionsschutz durchführen zu lassen. Hierbei sollte der verantwortliche Abteilungsleiter oder Hygienebeauftragte auch über das richtige Verhalten im Falle versehentlicher Kontakte mit Blut o.ä. informieren. Ein Infektionsrisiko besteht vor allem nach Verletzungen mit gebrauchten Kanülen. Durch umsichtige Handhabung gebrauchter Spritzen, Kanülen und chirurgischer Instrumente lassen sich akzidentelle Verletzungen in aller Regel vermeiden. Jedem versehentlichen Kontakt mit potenziell infektiösem Material sollte eine gründliche Ursachenforschung folgen. Dazu gehören auch Überlegungen, wie Arbeitsabläufe in Zukunft noch sicherer gestaltet werden können. Eine Unterlassung von Unfallmeldungen geschieht wahrscheinlich sehr häufig. Gründe hierfür können sein: Angst vor Vorwürfen, mangelndes Vertrauen in die Kompetenz erstversorgender Ärzte, Scham wegen der vermeintlichen Unvorsichtigkeit, beruflicher Stress (keine Zeit für die Meldung), Verdrängung (Bagatellisierung). Daher ist es sinnvoll, bereits im Vorfeld daran zu arbeiten, Barrieren, die eine Meldung verhindern könnten, abzubauen. Vor allem unklare betriebliche Strukturen können die Barriere für die Meldung von Vorfällen erhöhen. Die folgenden Fragen können helfen, strukturelle Barrieren zu identifizieren:

Im Vordergrund der Maßnahmen steht die Kontrolle des Risikos einer Infektion mit dem Hepatitis B-Virus (HBV), dem HI-Virus (HIV) und dem Hepatitis C-Virus.

Hepatitis B
Die Inkubationszeit der Hepatitis B beträgt im Mittel 120 Tage (Inkubation: Zeit zwischen Erstkontakt mit einem Erreger und dem Auftreten erster Krankheitszeichen). Es steht ausreichend Zeit für die Durchführung einer aktiven und/oder passiven Immunisierung zur Verfügung. Eine Gabe antiviraler Medikamente, wie zum Beispiel Lamivudin oder Entecavir, ist nicht erforderlich.

HIV
Das Risiko einer Übertragung steht im Zusammenhang mit Art und Umfang des Kontaktes. Verletzungen mit HIV-kontaminierten Kanülen oder Skalpellen gehen mit einem durchschnittlichen Infektionsrisiko von 1:300 einher. Das HI-Virus wird an der Luft und durch handelsübliche Seifen sehr rasch inaktiviert. Der Kontakt zwischen gesunder, unverletzter äußerer Haut (z.B. der Hand) und HI-Virus-haltigen Flüssigkeiten führt nicht zu einer Infektion. Zur Verringerung des Risikos bei Verletzungen gelten die folgenden Empfehlungen:


Die PEP sollte im Regelfall über einen Zeitraum von vier  Wochen durchgeführt werden. Das Prinzip der PEP zur Verminderung des Risikos einer HIV-Infektion besteht in der Einnahme von

Standard – Kombinationen zur HIV-PEP

Bei Schwangerschaft sind alle Medikamente, die bei PEP zur Anwendung kommen nicht unbedenklich; Efavirenz ist kontraindiziert!

Die Kombination von Efavirenz + Tenofovir + Emtricitabin steht auch als Kombinationspräparat Atripla® (1x1 Tablette/Tag) zur Verfügung (Zulassung in der EU liegt noch nicht vor)

Die meiste Erfahrung besteht bei den Reverse Transkriptase-Inhibitoren mit der Kombination von Zidovudin und Lamivudin (Kombinationspräparat Combivir®, 2x täglich 1 Tablette). Hinsichtlich der Verträglichkeit und des potentiell etwas rascheren Wirkungseintritts ist jedoch die Kombination von Tenofovir und Emtricitabin vorzuziehen (Kombinationspräparat Truvada®, 1x täglich 1 Tablette). Ausnahme davon stellt die PEP bei einer Schwangeren dar, bei der die längere Erfahrung mit Zidovudin und das noch nicht quantifizierbare Risiko einer Störung der fetalen Knochenbildung unter Tenofovir den Ausschlag gibt.

Das oben genannte Schema entspricht u.a. dem Vorgehen des Bernhard-Nocht-Insituts im Jahr 2008.

Da die zur PEP eingesetzten Medikamente für diese Indikation nicht zugelassen sind und mögliche Langzeitnebenwirkungen nicht sicher ausgeschlossen werden können, bedarf die Durchführung der HIV-PEP allerdings einer dokumentierten Aufklärung und ausdrücklichen Zustimmung des Betroffenen.

Sollte es sich bei der Kontaktperson um einen Patienten mit positivem HIV-Status handeln so können Angaben über das aktuelle Therapieregime und über die letzte gemessenen Viruslast für die Festlegung der PEP-Medikation hilfreich sein.

Vor Beginn einer PEP bei Frauen im gebährfähigen Alter ist ein Schwangerschaftstest erforderlich. Bei positivem Ausfall des Schwangerschaftstestes muss unter Hinzuziehung von gynäkologischen Rat die Frau in die Lage versetzt werden, eine individuelle, selbstbestimmte Entscheidung zu treffen, die auch den Weiterbestand der Schwangerschaft betrifft.

Hepatitis C

Die Inkubationszeit der akuten Hepatitis C beträgt im Mittel 7 Wochen (2-24 Wochen). Im Vordergrund steht eine sorgfältige Wundversorgung. Hierbei gelten die gleichen Empfehlungen wie bei HIV-Exposition (Wunde ausbluten lassen, Desinfizieren, Reinigen). Impfstoffe oder Seren zur Immunisierung stehen nicht zur Verfügung. Die Durchführung von HCV-PCRs erlaubt eine frühzeitige Diagnosestellung. Frühtherapien mit pegyliertem Interferon zeigten gute Ansprechraten.

Verlaufskontrollen

Begleitend zu einer HIV-PEP sollte zu Beginn sowie alle 2 Wochen ein Blutbild, Blutzucker, Transaminasen, Kreatinin und Urinstatus untersucht werden. Eine abschließende Blutzuckerkontrolle sollte 6 Wochen nach Exposition durchgeführt werden. HIV- und Hepatitis-Serologien werden unmittelbar nach Exposition, nach 6 Wochen sowie nach 3 und 6 Monaten kontrolliert. Die Hepatitis-Serologien sollten abschließend noch einmal nach 12 Monaten getestet werden.

Mehr

Quellen:

 

RMZ, 14.02.2013



Drucken

Zur Website www.gesundes-reisen.de