Fachinformationen - Mega-Cities


Mega-Cities

Bestehende Umweltprobleme in den Zielländern müssen von Reisenden meist so hingenommen werden, wie sie sind. Allerdings kann das eigene Verhalten helfen, sich auf höhere Belastungen einzustellen.

Die Lebensbedingungen in vielen der nahezu unbegrenzt wachsenden "Megacities" sind für Neueinreisende manchmal anstrengend. Die ersten Stunden der Zeit- und Klimaanpassung verlaufen beschwerlich. Denken Sie zum Beispiel an einen Flug nach Bolivien, der Sie durch sieben Zeitzonen nach El Alto, den Flughafen von La Paz, führt. Dort auf 4.000 m Höhe ist die Luft zwar sehr dünn, aber noch relativ klar. Das Taxi bringt Sie dann aber rasch auf 3.600 m ins Stadtzentrum - dort ist der immer noch wenige Sauerstoff mit Feinstaub und Autoabgasen vermischt. Hinzu kommen eine permanente Lärmkulisse und ein scheinbar heilloses Chaos in den Straßen. Dies alles sind Faktoren, die Reisenden zu schaffen machen und die Ankunft in einem Land verleiden kann.

 Bildquelle: Denis Zimmer

 

Ein Aufenthalt in diesen Riesenansammlungen von Industrie- und Wohnbereichen auf engem Raum ist für Reisende in Entwicklungsländern meist unvermeidlich, da schon die Landung meist in einer Mega-Stadt erfolgt.

Verstädterung als globales Problem
Die Zahl der immer unwirtlicher werdenden Mega-Städte mit über zehn Millionen Einwohnern liegt zur Zeit bei etwa zwanzig, die Mehrzahl davon findet sich in Entwicklungsländern:

Eine Verlangsamung oder gar Umkehr der globalen Verstädterung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Seit 2007 leben erstmals in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Besonders dramatisch wird das Wachstum in (heute noch) kleinen und mittelgroßen Städten in Entwicklungsländern sein, so dass mit der Entstehung vieler weiterer Megacities zu rechnen ist.

Nicht die Größe an sich ist hierbei problematisch. Viele der unten beschriebenen Probleme, mit denen auch Reisende konfrontiert werden, entstehen aufgrund der Tatsache, dass der größte Teil dieses Wachstums durch unkontrollierte Vorstadtsiedlungen erfolgt. Schon im Jahre 2001 lebten 31% der weltweiten Stadtbevölkerung in sog. Slums, die große Mehrheit davon in Entwicklungsländern. Diese Quote wird aller Voraussicht nach weiter steigen.

Missstände wie fehlende Bildung, hohe Arbeitslosigkeit, schlechte hygienische Verhältnisse, extreme Armut, Gewaltbereitschaft, hohe Bevölkerungsdichte, fehlende soziale Bindungen und Perspektivlosigkeit sind die Folge. Hieraus ergeben sich Risiken für Reisende, welche im Vergleich zu Deutschland vielfach höher sind. Deshalb ist gerade zu Reisebeginn in folgenden Bereichen besondere Vorsicht geboten.

Verkehrsunfälle
Die STVO mag in Deutschland Geltung haben - auf den Straßen vieler anderer Länder gilt das Recht des Stärkeren. Dementsprechend umsichtig sollte man sich als Fußgänger bewegen und damit rechnen, dass Zebrastreifen, Ampeln und Vorfahrtsgebote flexibel interpretiert werden. Fußgänger sind auf Verkehrsadern oft Freiwild. Eine unbekannte Megacity per Fahrrad zu erkunden ist noch ungleich gefährlicher. Falls man Motorrad-Touren plant, so sollte das Tragen eines Helms selbstverständlich sein, auch wenn dies kein einheimischer Motorradfahrer (und schon gar kein Fahrradfahrer) tut - nicht nur aus gesundheitlichen Gründen; auch kann man im Falle eines Unfalls versicherungstechnische Schwierigkeiten bekommen, immerhin besteht in vielen Ländern zumindest offiziell Helmpflicht. Entsprechendes gilt für das Anlegen des Sicherheitsgurtes. Auch wenn die örtliche Gesetzgebung eine gewisse Promille an Blutalkohol erlaubt, sollte man es tunlichst vermeiden, diesen Spielraum auszunutzen. Für alle motorisierten Fortbewegungsarten gilt, grundsätzlich erst einmal möglichst defensiv zu agieren, bis man sich an die Abläufe vor Ort gewöhnt hat.

Es ist daher ungünstig, sich direkt aus dem Flieger kommend an das Steuer eines Mietautos zu setzen, um das Stadtzentrum zu erkunden. Hierfür eignen sich am besten Taxis (inkl. einheimischem Fahrer). Nächtliche Fahrten stellen ein erhöhtes Gefahrenpotential dar, da Unfall- oder Baustellen meist nur unzureichend gesichert sind und man mit unbeleuchteten Verkehrsteilnehmern zu rechnen hat. Die Benutzung innerstädtischer öffentlicher Verkehrsmittel mag zwar gewöhnungsbedürftig und anstrengend sein, ist jedoch aus Sicherheitsgründen zu bevorzugen. Anders sieht es bei Überlandfahrten aus. Hier sollte man bei der Auswahl seines Transportmittels durchaus wählerisch sein. Aufgrund der halsbrecherischen Fahrweise einheimischer Chauffeure sind Buschtaxis und manche Busgesellschaften in vielen Ländern als “flying coffins“ (fliegende Särge) in Verruf geraten. Am besten lasse man sich diesbezüglich von vertrauenswürdigen Einheimischen beraten.

Bildquelle: Denis Zimmer

Hitze
Die meisten Megacities liegen in tropischen oder subtropischen Ländern und somit in Breiten, die per se deutlich heißer sind als Deutschland. Zudem stellen Megacities sog. "Hitze-Inseln" dar: Durch die Wärmespeicherung in Asphalt und Mauern, unzureichenden Luftaustausch durch hohe Gebäude und fehlenden Baumbestand, ist es in solchen Städten noch einmal bis zu 5 °C wärmer als im ländlichen Umland.


In trockener Umgebung ist Schwitzen ein effektiver Kühlmechanismus unseres Körpers. Bei hoher Luftfeuchtigkeit bringt Schwitzen jedoch keine Kühlung, sondern führt nur zu einem extrem hohen Flüssigkeitsverlust. Diesem muss durch reichhaltiges, frühzeitiges Trinken begegnet werden, ansonsten droht schnell die Gefahr einer Dehydrierung. Hiervon sind Kinder und ältere Menschen besonders betroffen. Tragen Sie lockere, leichte Kleidung und gehen Sie der direkten Sonneneinstrahlung aus dem Weg. Dies gilt besonders für die Mittagszeit. Wenn Ihnen die Hitze zu schaffen macht, sollten Sie jegliche unnötige körperliche Belastung (Sport) unterlassen.
Die meisten gehobenen Hotels verfügen über eine Klimaanlage in den Zimmern. Diese mag zwar für die gewünschte Abkühlung sorgen, jedoch kann ein zu häufiger Wechsel von kalter zu warmer Luft die Gefahr einer Erkältung mit sich bringen.

Luftverschmutzung
Luftverschmutzung ist ein sehr ernstes Gesundheitsproblem in Städten und in der Umgebung großer Industrieanlagen. In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass eingeatmete Schadstoffe und Schwebteilchen (Feinstaub) Herz-Lungenerkrankungen, Immunstörungen und Karzinome verursachen können. Besonders betroffen sind Personen mit vorbestehenden Lungenerkrankungen, Raucher(innen), schwangere Frauen und deren ungeborene Kinder, die ggf. zu früh geboren werden. Auch Wachstum, Reifung des Immunsystems und Hirnentwicklung von Kleinkindern können stark beeinträchtigt werden (Columbia Univ. 2012). .

Feinstaubbestandteile, die überwiegend aus Autoabgasen stammen,  bestehen aus Metallen, Ionen (Nitrat, Sulfat),  Radikalen, Mineralen, reaktiven Gasen, gemischt mit Partikeln organischen Ursprungs. Diese Bestandteile gelangen in die Lungenbläschen und lösen dort zahlreiche zelluläre Effekte aus wie oxidativen Stress, DNA-Schädigungen, Entzündungserschenungen uva. (Valavanidis 2008) 

Das aus dem Englischen stammende Kunstwort Smog ("fog" + "smoke", also Nebel und Rauch) beschreibt eine besondere Verschlechterung der Luftqualität:

In Deutschland gelten Emissionsregelungen, welche meist auch respektiert werden. In vielen anderen Ländern existieren diese, wenn überhaupt, nur auf dem Papier. Nicht nur der Verkehr ist eine Verschmutzungsquelle in Megacities. Meist sind diese Städte zugleich wirtschaftlicher Knotenpunkt eines Landes, weshalb sich dort viel Schwerindustrie angesammelt hat. Hinzu kommen Schadstoffe aus den Schornsteinen unzähliger Privathaushalte und private Müllverbrennung. In Slums wird oft noch über dem offenen Feuer gekocht und mangels Alternative jegliches brennbares Material verwendet; ohne Rücksicht auf mögliche giftige Dämpfe.

Bildquelle: Werner Schönherr

Aus Dhaka  wurde von der  Weltbank für 2008 die höchste Belastung mit Feinstaub (460 Microgramm pro m3, mcm) gemeldet, dicht gefolgt von Mexiko-Stadt (380 mcm) und Mumbai (360 mcm). In Dhaka seien 15.000 vorzeitige Sterbefälle pro Jahr auf die Luftverschmutzung zurückzuführen und Millionen von Patienten litten deshalb an pulmonalen oder neurologischen Erkrankungen. Die WHO setzt den Richtwert der Belastung mit Feinstaub bei Städten bei 20 mcm an und nennt Städte mit Partikelkonzentrationen über 70 mcm stark belastet. Ist der politische Wille vorhanden, so lassen sich in Megacities durchaus erfolgreich Maßnahmen zur Verringerung von Emissionen implementieren. Durch strenge gesetzliche Regelung und Überwachung des Schadstoffausstoßes von Kraftfahrzeugen konnten beispielsweise in Los Angeles und Mexiko-City deutliche Verbesserungen erreicht werden, Ähnliches wird auch für Peking erwartet.

Schlechte Luftqualität durch Feistaub, Schwefeldioxid, Kohlenstoffmonoxid und Ozon stellt auch für Reisende, die sich nur für begrenzte Zeit in einer Megacity aufhalten, ein gesundheitliches Risiko dar. Leidet man schon vor Reisebeginn unter Atemstörungen, sollte der Aufenthalt dort so kurz wie möglich gestaltet werden. Medikamente sind am besten von Deutschland aus mitzubringen, da in vielen Entwicklungsländern Medikamentenfälschungen auf dem Markt sind. Asthmatiker sollten ihr Asthmaspray oder Cortison stets bei sich führen. Rauchen stellt für den Körper eine zusätzliche Belastung dar, die zusammen mit der schlechten Luft bestehende Beschwerden verschlimmern oder neue auslösen kann. Will man möglichen Atembeschwerden vorbeugen, so kann man vor der Reise durch körperliches Training seine Atemfunktion merklich verbessern. Befindet man sich jedoch in einer belasteten Megacity, so sollte man allzu intensive körperliche Bewegung vermeiden.

Wasser
Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist besonders für die arme einheimische Bevölkerung von Megacities ein Problem. Doch selbst in Hotels der Mittelklasse ist die Trinkwasserqualität nicht immer gesichert, so dass davon abgeraten werden muss, aus dem Wasserhahn zu trinken. Abgefülltes Mineralwasser ist meist überall erhältlich. Die meisten Megacities haben jedoch nicht nur ein Problem mit der Wasserversorgung, sondern auch mit der Abwasserentsorgung. Oft ist die Kanalisation völlig überlastet und veraltet, so dass eine Kontamination des Trinkwasser häufig ist. Zwar sind auch hiervon die Slumbewohner stärker betroffen, doch stellt dies auch für westliche Touristen ein gesundheitliches Risiko dar. Regelmäßiges Händewaschen sollte selbstverständlich sein. Offen stehende Abwässer bilden Brutstätten für Moskitos, die wiederum Infektionskrankheiten wie Dengue übertragen können.
Programme der sicheren Wasserversorgung , die Slums mit Trinkwasser versorgen, können das Abwasserproblem verstärken und nebenbei Anreiz für weiteren Zuzug schaffen.

Sexualität
Große Städte sind Zentren der Sexindustrie. Angebot und Nachfrage nach käuflichem Sex sind sehr groß, da viele Männer auf Arbeitssuche ohne Familie in der Stadt leben. Die Partnerwahl für Männer ist daher nicht einfach. Viele Frauen und Männer sind aus sozialer Not gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Ausländer werden umworben und missverstehen dies häufig mit "persönlicher Attraktivität". Das Risiko für sexuell übertragbare Infektionen ist ungleich höher als in Deutschland. Nicht behandelte sexuell übertragbare Erkrankungen sind sehr effektive Faktoren der HIV-Übertragung.

Sexuell übertragbare Krankheiten

Sicherheit, Kriminalität, Gewalt
Während Städte aufgrund des sozialen Elends kriminelle Hochburgen sein können, kann es auf dem Land vollkommen friedlich zugehen. Als Ausländer wird man oft als “wandelnde Geldbörse“ wahrgenommen und fällt zudem optisch auf. Oft liegen luxuriöse Tourismus-"Ghettos" unmittelbar neben Slumregionen. In der Tat kann der Wert, welchen westliche Touristen in ihren Taschen mit sich herumtragen, ein vielfaches Monatsgehalt eines armen Stadtbewohners ausmachen. Dementsprechend sind die Versuchungen groß, illegal an diesen Reichtum zu gelangen. Die Methoden reichen von Taschendiebstahl und Trickbetrügereien bis hin zu offener Gewalt (Raubüberfall).

Diesen Unannehmlichkeiten lässt sich jedoch leichter als vielen anderen Risiken in Megacities begegnen. Grundsätzlich heißt es, die Augen offen zu halten und dem gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Zunächst sollte man sich kulturangepasst verhalten. Dies gilt für Kleidung (ggf. geschlossen, kein “Militäry-look“) ebenso wie für das Fotografieren (möglichst unauffällig und bei Personen immer vorher fragen). Auch sollte man seinen relativen Reichtum nicht offen zur Schau stellen, d.h. auf das Tragen von Uhren und Schmuck verzichten und die Kamera nicht offen vor dem Bauch tragen. Wertsachen sollten nur bei sich getragen werden, wenn dies notwendig ist, und auch dann direkt am Körper. Dies gilt auch für wichtige Dokumente (Reisepass, Impfausweis, Flugticket). Jedoch sollten diese auch nicht auf dem Hotelzimmer gelassen, sondern an der Rezeption - gegen eine Quittung - abgegeben werden. Es bietet sich an, von den wichtigsten Dokumenten eine Kopie anzufertigen. Diese erleichtern und beschleunigen im Falle eines Verlusts die Neubeschaffung deutlich.

Als Grundregel gilt, in unbekannten Städten stets in Begleitung zu bleiben. Welche Gegenden gemieden werden sollten (besonders nachts), wissen vertrauenswürdige Einheimische am besten. Dies gilt auch für Discos oder Strände. Sollte man trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einmal in eine brenzlige Situation geraten, so gilt es sich keinesfalls provozieren zu lassen. Bei einem Überfall ist der Aufforderung, Geld und Wertgegenstände abzugeben, widerspruchslos nachzukommen (“wer die Waffe hat, hat Recht.“). Auch sollte man es tunlichst vermeiden den Helden spielen zu wollen, ansonsten können solche Situation schnell außer Kontrolle geraten.

Sowohl nach Diebstahl oder Überfall sollte man schnellstmöglich eine Polizeistation aufsuchen, auch wenn die Chancen, die Übeltäter zu erwischen, eher gering sind. Mindestens ebenso wichtig ist es, darauf zu bestehen, ein Protokoll ausgehändigt zu bekommen. Dies ist für den Ersatz durch die Versicherungen in Deutschland oft unerlässlich.

Psychische Erkrankungen
Megacities bedeuten Menschenmassen, Verkehrschaos, Lärm, fremde Kulturen und überwältigende Sinneseindrücke. Dies verursacht bei vielen Menschen Stress. Hält man sich längere Zeit in dieser Umgebung auf und kann sich dieser Stress nicht lösen (so genannter "Strain", Dauerüberlastung), so führt dies zu körperlichen und psychischen Beschwerden. Angststörungen und andere psychische Probleme sind bei Reisenden in Großstädten daher nicht selten. Diese können durch Alkohol oder sonstige Drogen noch verschlimmert werden. Ansonsten gilt es, sensibel auf Anzeichen des Körpers von psychischer Belastung zu achten (Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, erhöhter Alkohol- oder Kaffeeverbrauch) und zu reagieren. So wie man bei Höhenkrankheit zum Absteigen rät, ist bei psychischen Beschwerden ein Ortswechsel angebracht. Wenn ein Aufenthalt im Stadtpark nicht mehr ausreicht, um die Stimmung zu heben, wird es Zeit aufs Land oder an die Küste zu fahren. Hier lassen die Beschwerden meist schnell nach.

Links

Gesundheit

Mega-Cities

Literaturhinweise

 

HEF, 18.01.2013



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