Reiseinformationen - Fledermäuse


Fledermäuse und ihre Bedeutung für Reisende

Bildquelle: Himmel/Gerstenberg


Die Fledermäuse, die zusammen mit den Flughunden die Ordnung der Fledertiere bilden, haben auf Menschen schon immer eine besondere Faszination ausgeübt, sei es wissenschaftlich oder mythologisch. Sie sind die einzigen Säugetiere, die es geschafft haben, ohne technische Hilfe den Luftraum zu erobern. Weltweit gibt es ungefähr 900 Arten, davon circa 30 in Mitteleuropa, wo sie jedoch z.T. vom Aussterben bedroht sind. Je nach Art ist das Nahrungsspektrum vielfältig: Meistens stehen Insekten, aber auch Früchte, Fische, Frösche und im Falle der amerikanischen Vampirfledermaus auch Blut auf dem Speiseplan. Dass manche Fledermäuse Krankheitserreger in sich tragen können, ist schon lange bekannt. Da Kontakt zwischen Menschen und Fledermäusen aber sehr selten ist, wurden diese Krankheiten nur ausnahmsweise auf den Menschen übertragen. In letzter Zeit mehren sich jedoch die Verdachtsmomente, dass Fledermäuse mehr Krankheitserreger, vor allem Viren, als bisher bekannt übertragen könnten.

In Nordamerika und im Vorderen Orient wird durch den Kot von Fledermäusen eine Pilzerkrankung übertragen, die Histoplasmose. Meistens wird die Lunge befallen, es kann aber jedes Organ betroffen sein. Die Erkrankung überträgt sich durch das Einatmen pilzsporenhaltigen Staubs, z.B. bei einer Höhlenexkursion, wenn diese Höhle von Fledermäusen bewohnt ist. Meistens verläuft die Infektion mit der Histoplasmose jedoch unbemerkt. So haben in den amerikanischen Südstaaten bis zu 100% der Bevölkerung Antikörper gegen den Pilz (hatten also Kontakt mit dem Erreger), aber nur ein Bruchteil ist wirklich jemals erkrankt.

In Europa, Australien und in Amerika übertragen Fledermäuse die Fledermaustollwut. Die europäischen Fledermaustollwutviren (European Bat Lyssavirus, EBL 1+2) sind nicht mit der Fuchstollwut identisch. Die Erkrankung beim Menschen verläuft aber gleich, nämlich immer als tödliche* Entzündung des Gehirns (Enzephalitis). Erstmals beschrieben wurde die Fledermaustollwut in Deutschland 1954 in Hamburg, danach gab es bis 1984 nur sporadische Fälle. Danach kam es vor allem in Nordeuropa zu einer epidemieartigen Ausbreitung innerhalb der Fledermauspopulation. Hauptüberträger in Europa ist die Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus). Infektionen anderer Tiere und des Menschen in Europa sind aber extrem selten (u.a. im sonst tollwutfreien Großbritannien 2002).

In Mittel- und Südamerika, wo die Vampirfledermaus (Desmodus rotundus) vorkommt, ist das anders. Die Vampirfledermaus ernährt sich überwiegend vom Blut großer Säugetiere, z.B. Rinder. Ihr Biss ist schmerzlos. Durch das Eindringen von Menschen in ihren Lebensraum vergreift sich die Vampirfledermaus zunehmend auch an schlafenden Menschen, vor allem in Brasilien, wo jährlich Dutzende Menschen versterben. Betroffen sind überwiegend Kinder.

Fledermäuse übertragen Henipaviren. Diese Viren gehören wie die Masern zu den Paramyxoviren. Man unterscheidet zwei Arten von Henipaviren: das Hendravirus, dass in Australien von Flughunden (Fruchtfledermäusen) übertragen wird und vor allem bei Pferden zu tödlichen Erkrankungen führt. Seit seiner Entdeckung 1994 sind 4 Menschen, die direkten Kontakt zu den Pferden hatten erkrankt, zwei von ihnen sind gestorben. Hendraviruserkrankungen verlaufen als Atemwegserkrankung und Enzephalitis. Da die Erkrankungen nur zur Zeit der Jungenaufzucht der Flughunde auftritt, vermutet man, dass das Fruchtwasser der Flughunde infektiös ist, welches bei der Geburt zu Boden fällt und von grasenden Pferden aufgenommen wird.

Das zweite Henipavirus ist das südostasiatische Nipahvirus, welches erst 1999 in Malaysia entdeckt wurde. Es lebt in Fruchtfledermäusen (der Nachweis gelang in Kambodscha) und befällt überwiegend Schweine. Betroffene Länder seit seiner Entdeckung waren Malaysia, Singapur, Indien und vor allem Bangladesch. Die Symptome sind ähnlich der Erkrankung mit dem Hendravirus, im Vordergrund steht die Enzephalitis. Seit seiner Entdeckung hat das Virus in den betroffenen Ländern etwa 200 Todesopfer gefordert, die Letalität der Erkrankung liegt bei 40%. Auch hier erfolgte die Infektion durch direkten Kontakt (Schlachtung) mit infizierten Schweinen, nur bei der letzten Epidemie 2005 in Bangladesch wird vermutet, dass Palmfruchtsaft, der mit Exkrementen oder Speichel der Fruchtfledermäuse kontaminiert war, die Infektionsquelle war. Vor allem das Nipahvirus wird zukünftig wahrscheinlich größere Bedeutung erlangen.

Neueste chinesische Forschungen lassen vermuten, dass auch das SAR S-Virus, ein Coronavirus, natürlicherweise in Fledermäusen der Gattung Rhinolophus (Hufeisennasen) vorkommt. Endgültige Bestätigungen stehen aber noch aus. Bei der weltweiten SARS-Epidemie 2003 wurde zunächst der Larvenroller (eine Schleichkatzenart: Paguma larvata; Palm Civet) als natürlicher Wirt vermutet, da das Virus in diesen Tieren von chinesischen Märkten nachgewiesen werden konnte.

Es stellte sich aber heraus, dass sie nicht der natürliche Wirt waren. Die Schleichkatzen könnten sich aber sehr gut auf den Märkten mit dem Virus infiziert haben, denn dort werden auch Fledermäuse als „Zutat“ für die traditionelle chinesische Medizin verkauft. Zuletzt stehen Fledermäuse im Verdacht, der natürliche Wirt des Ebolavirus zu sein. Dieses für Menschen als auch für Menschenaffen höchst gefährliche Virus führt in ländlichen Gebieten Zentralafrikas zu wiederkehrenden lokalen Epidemien, die in Studien mit Höhlen bzw. stillgelegten Bergwerken und der Reifezeit bestimmter Früchte in Verbindung gebracht wurden. Trotz intensiver Suche konnte das natürliche Reservoir des Virus nicht gefunden werden. Das Ebolavirus bedroht zur Zeit vor allem die letzten natürlichen Vorkommen von Gorillas und Schimpansen, nachdem es bereits gebietsweise ganze Populationen dieser Arten komplett ausgelöscht hat.

Zur Zeit werden immer neue Viren von den Virologen entdeckt. Sogenannte Zoonosen, also Erkrankungen, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden können, spielen dabei eine grosse Rolle. Fledermäuse übertragen nicht mehr Erkrankungen als andere Tiere, wenn man bedenkt wie viele verschiedene Fledermäuse es gibt: geschätzte 20% aller Säugetierarten sind Fledermäuse. Eine Besonderheit der Fledermäuse ist, dass sie aus Gewichtsgründen, genau wie Vögel, kein Knochenmark in ihren Röhrenknochen haben. Das Knochenmark bei Säugetieren produziert aber wichtige Abwehrzellen des Immunsystems, weswegen man vermutet, dass das Immunsystem der Fledermäuse andere Mechanismen entwickelt hat, um an diesen Viren nicht zu erkranken. Zur Bekämpfung der o.g. Viruserkrankungen wären genauere Erkenntnisse sehr wünschenswert. Für Menschen bedeutet das, dass nirgendwo auf der Welt Fledermäuse angefasst werden sollten, auch nicht aus Mitleid, wenn man ein krankes Tier irgendwo auffindet.

* 2004 hat eine junge Frau in den USA als erster Mensch eine Tollwuterkrankung ohne schwere bleibende Behinderungen überlebt

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RMZ, 13.11.2012



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