Fachinformationen - Insekten: Aedes-Arten und Arboviren


Aedes-Arten als Überträger von Arboviren

A. Krüger (BW, 2008)

Die Stechmücken (Familie Culicidae) repräsentieren mit weltweit über 3.500 Arten eine der größten Gruppen blutsaugender Insekten und die wohl wichtigsten medizinisch relevanten Arthropoden überhaupt. Innerhalb dieser Familie lassen sich drei Unterfamilien auftrennen, die z.T. sehr unterschiedliche medizinische Relevanz haben. So fungieren als Überträger der gefürchteten Malaria ausschließlich Arten der Gattung Anopheles (Unterfamilie Anophelinae), auch Gabel- oder Fiebermücken genannt, von denen beispielsweise in Deutschland nur sechs Arten bekannt sind. Demgegenüber kommen hier etwa 24 Aedes-Arten vor (so genannte Wald- und Wiesenmücken); weltweit kennt man über 1.000. Diese gehören zur Unterfamilie Culicinae, d.h. den Stechmücken im engeren Sinne. Die nächsten Verwandten von Aedes sind somit vor allem Arten der Gattungen Culex und Culiseta mit den landläufig bekannten Hausmücken.
Die biologischen Besonderheiten von Aedes-Mücken sind vielfältiger Natur. So können sie beispielsweise im Ei-Stadium längere Trockenphasen überdauern und die Brutgewässer sind meist temporär, trocknen also über längere Zeit im Jahr aus. Die Adulten sind meist tagaktiv und repräsentieren in der nördlichen Hemisphäre die wichtigsten Plageerreger, während in den Tropen eher Culex-Arten von Bedeutung sind. Adulte Aedes-Mücken besitzen in der Regel eine dunkelbraun-schwarze Grundfärbung mit silbrig-weißer Zeichnung und das Abdomen ist im Gegensatz zu anderen Gattungen zugespitzt.

Aedes-Arten sind an der Übertragung zahlreicher tropischer Viren beteiligt. Abgeleitet vom englischen Begriff "arthropod-borne viruses" werden diese beziehungsweise alle durch Insekten und Zecken übertragenen Viren als "Arboviren" bezeichnet. Historisch gesehen ist hier vor allem das Gelbfieber zu nennen, dem zusammen mit der Malaria etwa ein Viertel aller am Bau des Panamakanals beteiligten Arbeiter und Angestellten, rund 22.000 Menschen, zum Opfer fielen, weshalb die erste Bauphase abgebrochen wurde. In den letzten Jahren sind dagegen Viren wie das West-Nil-Virus oder das Chikungunya-Virus näher in unser Bewusstsein gerückt. Diese treten nicht mehr nur in tropischen Entwicklungsländern, sondern auch in hygienisch hoch entwickelten Staaten wie den USA oder beliebten Urlaubszielen wie Mauritius auf.

Sowohl historisch als auch angesichts dieses aktuellen Geschehens müssen drei Phänomene berücksichtigt werden. Einerseits war die anthropogene Verbreitung von durch Stechmücken übertragenen Viren durch menschliche Mobilität ein entscheidender Faktor. Diese Entwicklung wurde insbesondere durch den interkontinentalen Sklavenhandel forciert, hat aber auch durch Globalisierung und die Zunahme von Interkontinental-Tourismus eine neue Dimension in Bezug auf die Ausbreitungs-Geschwindigkeit bekommen. Nicht weniger bedeutsam, da in der Regel Voraussetzung für den Erreger, ist die anthropogene Vektorausbreitung. Hierbei spielt vor allem der internationale Warenverkehr eine Rolle. Gewissermaßen als unbekannte oder zumindest schwer kalkulierbare Variable, obwohl vermeintlich ebenfalls anthropogen, kommt nun noch die mögliche Vektor- und Erregerausbreitung im Zuge der Klimaveränderungen hinzu.

Aedes aegypti und Gelbfieber
Der natürliche, erst 1932 in Südamerika entdeckte Übertragungszyklus des Gelbfieber-Virus (Familie Flaviviridae) ist eine Zoonose bei Primaten als natürlichen Wirten, die Regenwaldbewohner sind, sowie Überträger-Mücken der Gattung Haemagogus (in Amerika) bzw. Aedes africanus (in Afrika). Man spricht daher auch vom sylvatischen Gelbfieber. Erst durch Vordringen in diese Lebensräume kommt der Mensch mit dem Virus gelegentlich in Kontakt. Mückenarten wie z.B. Aedes bromeliae nutzen die wassergefüllten Blattachseln von Bananenstauden als Brutplätze. Da die vom Menschen geschaffenen Plantagen einen wald-ähnlichen Charakter haben und meist unmittelbar an die Primärwälder angrenzen, kann Ae. bromeliae als sogenannter Brücken-Vektor zwischen Affe und Mensch in Erscheinung treten. Ist erst einmal der Sprung auf einzelne Menschen geschafft, müssen diese nur noch mit ihrer "Ware"- Virus und z.B. Bananen - auf die Märkte der nächsten größeren Ortschaft gehen, wo sie nun auf Aedes aegyti treffen. Diese Art pflegt, in Bezug auf Brutstätten und Bluthunger, eine sehr menschennahe Lebensweise und kann als urbaner Kulturfolger bezeichnet werden. Außerdem ist Ae. aegypti ein potenter Gelbfieber-Überträger und kann somit zum Verursacher des epidemischen "Stadt-Gelbfiebers" werden.

Aedes aegypti gehört, genauso wie Ae. africanus, Ae. bromeliae und die unten erwähnte Ae. albopictus, zur Untergattung Stegomyia. Neueren Erkenntnissen zufolge (Reinert et al., 2004) wurde Stegomyia auf Gattungsrang erhoben, so dass gelegentlich nur noch von Stegomyia aegypti oder St. albopicta (man beachte das veränderte Geschlecht) die Rede ist. Gemäß internationalen Gepflogenheiten sollte jedoch eine Nomenklaturänderung häufig gebräuchlicher Namen vermieden werden, weshalb der Wechsel von Aedes zu Stegomyia nicht allgemein anerkannt wird und hier ebenfalls nicht berücksichtigt wird.

Die Epidemiologie des Gelbfiebers ist von drei biogeografischen Phänomenen geprägt. Einerseits ist bis heute strittig, ob das Virus ursprünglich nur in Afrika oder Amerika endemisch war. Andererseits kommt der einzige humanrelevante Überträger, die primär aus Afrika stammende Ae. aegypti, heute weltweit in den Tropen vor, während das Virus lediglich im subsaharischen Afrika und in Südamerika vorkommt.

Allerdings ist bis heute unklar, warum sich die Krankheit nicht auch nach Asien ausgebreitet hat, wo Überträger, Klima und potenzielle Reservoirtiere durchaus auch vorhanden wären. Noch im 19. Jahrhundert wurde selbst Europa, insbesondere Süd- und Westeuropa von Epidemien heimgesucht, deren Quelle importierte infizierte Mücken waren, während zur gleichen Zeit (und bis in die 1950er Jahre) Ae. aegypti hier heimisch war. Seitdem ist die Mücke jedoch aus unbekannten Gründen im gesamten Mittelmeerraum verschwunden (Eritja et al., 2005). Dass dies nicht so bleiben muss, zeigt das Wiederauftreten an der ukrainischen Schwarzmeerküste (Riabova et al., 2005) und in weiten Teilen Lateinamerikas, wo es in der Mitte des letzten Jahrhunderts gelungen war, Ae. aegypti nahezu vollständig zu eliminieren. Unter der Annahme, dass historische Klimaschwankungen nicht-anthropogenen Ursprungs waren, lässt die Geschichte von Ae. aegypti und Gelbfieber besonders in Europa darauf schließen, dass weniger klimatische als vielmehr anthropogene Faktoren (Transport bzw. Verschleppung) für Veränderungen verantwortlich waren.

Aus humanmedizinischer Sicht hat die wiederholte und fortdauernde Ausbreitung bzw. Verschleppung von Ae. aegypti zu einer der folgenreichsten und nachhaltigsten biologischen Invasionen überhaupt geführt. Sieht man einmal von der ausgeprägten Anthropophilie (Vorliebe für Menschen) dieser Mücke ab, die sie zu einem unangenehmen Plageerreger werden lässt, so müssen vor allem zwei andere Eigenschaften hervorgehoben werden. An erster Stelle steht hierbei die Überträgerbedeutung für Gelbfieber sowie weitere Arboviren. Auf Grund der Tagaktivität von Ae. aegypti bieten selbst Bettnetze, wie sie gegen Malariamücken empfohlen werden, keinen Schutz. Abschwächend könnte man dazu anführen, dass es gegen Gelbfieber eine Impfung gibt und dass man Ae. aegypti erfolgreich mittels Insektiziden bekämpfen kann. Hierbei muss jedoch die Betonung auf „kann“ liegen, denn in der Praxis hat sich diese Vektorbekämpfung oft als sehr schwierig, wenn nicht sogar als unmöglich erwiesen. Hat sich Ae. aegypti einmal etabliert, ist ihre Kontrolle in heutigen tropischen Großstädten, wie z.B. Rio de Janeiro oder Lagos mit ihren ausufernden Slums und unbewältigten Müllproblemen, und hinsichtlich des umfangreichen internationalen Handels- und Güterverkehrs eine nahezu unlösbare Aufgabe. Jede mit Regenwasser gefüllte Cola-Dose oder, wie in publizierten Fällen von Manila und Buenos Aires, Blumenvasen auf Friedhöfen (Vezzani 2007) bieten Ae. aegypti optimale Brutbedingungen. Somit erweist sich die peridomestische Lebensweise, die in anderen Fällen, wie z.B. den Chagas-übertragenden Raubwanzen, eine Bekämpfung erleichtert, als trügerischer Vorteil.

Aedes aegypti und Dengue

Während die Bedeutung des Gelbfiebers seit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes eher historischer Art ist, zählt Dengue-Fieber (DEN) heute nach der Malaria zur wichtigsten durch Mücken übertragenen Krankheit. Der ebenfalls zu den Flaviviren gehörende Erreger existiert in vier Subtypen, die ursprünglich wahrscheinlich aus dem ostasiatischen Raum stammen. Im Unterschied zum Gelbfieber-Virus hat das DEN-Virus kein Säugetier-Reservoir, auch wenn in Afrika und Malaysia vereinzelt natürlich infizierte Affen gefunden wurden. Als Überträger spielt besonders wieder Ae. aegypti* eine Rolle, aber weitere Arten wie Ae. polynesiensis*, Ae. scutellaris* und Ae. niveus im asiatisch-pazifischen Raum sowie Ae. furcifer, Ae. taylori, Ae. luteocephalus*, Ae. opok* und Ae. africanus* in Westafrika sind ebenfalls von Bedeutung (* = Untergattung Stegomyia). Auf die Rolle von Ae. albopictus soll später näher eingegangen werden.

Wegen des weltweiten Auftretens lässt sich am Beispiel von DEN besonders gut erkennen, wie die Verbreitung von Vektor und Virus korreliert. Für beide besteht offensichtlich eine klimatische Abhängigkeit, die sich überwiegend auf die feuchten Tropen Amerikas, Afrikas, Asiens und des Pazifiks bezieht.

Regionen mit geringem Risiko reichen allerdings auch in gemäßigte Breiten, wo Ae. aegypti zumindest zeitweise heimisch war oder werden könnte. In Griechenland wurden 1928 über 1 Million DEN-Fälle registriert, von denen über 1.000 starben und noch bis Mitte des letzten Jahrhundert war Ae. aegypti praktisch im gesamten mediterranen Raum südlich der 12,8°C Jahres-Isotherme verbreitet. Dabei ist allerdings interessant, dass es nur Vermutungen zu den Gründen des Verschwindens der Mücke ab den 1950er Jahren gibt, ähnlich wie zum zeitgleichen Erlöschen der Malaria in West- und Mitteleuropa einschließlich Deutschlands. In beiden Fällen könnte die ausgiebige Applikation von DDT vor allem in der Landwirtschaft eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Die langsam einsetzende Klimaerwärmung hätte jedenfalls Mücken und Malaria eher begünstigen müssen. Wie temperaturabhängig die Entwicklung sein kann, zeigen folgende Zahlen: Larven von Ae. aegypti entwickeln sich bei 35°C in nur etwa 7 Tagen, bei 15°C aber in 40 Tagen.

Aedes albopictus, ein "emerging vector" für "emerging diseases"
Die "Asiatische Tigermücke" Aedes albopictus ist heute neben Ae. aegypti weltweit einer der wichtigsten Überträger von Arboviren wie z.B. DEN-Virus oder Chikungunya (CHIK)-Virus. Ein epidemisches Wiederauftreten des CHIK-Virus ist seit 2005 auf den Inseln im Indischen Ozean zu verzeichnen. Ungeklärt ist bislang, was die erhöhte Mortalität und die offenbar gestiegene Übertragungseffizienz der Mücken während dieses Ausbruchs verursacht hat. Klassische Endemiegebiete der normalerweise nicht letal verlaufenden CHIK-Virus-Infektion waren u.a. Länder Ostafrikas, was sich im Suaheli-Ursprung des Namens der Krankheit widerspiegelt („Gekrümmter Mann“; auf die starken Gelenk- und Muskelschmerzen hindeutend). In Ostafrika galt Ae. aegypti als Hauptüberträger, während sich gezeigt hat, dass im Bereich des Indischen Ozeans vorwiegend Ae. albopictus das CHIK-Virus zu übertragen scheint. Die ozeanischen Archipele zählen spätestens seit dem 19. Jh. zum Verbreitungsgebiet dieser überwiegend südostasiatischen Art. Mittlerweile könnte die Tigermücke aber auch in anderen Weltregionen als Überträger von Krankheitserregern zu Problemen führen.

Das erste Neuauftreten in moderner Zeit wurde 1979 in Albanien beobachtet, und von da an verlängerte sich die Länderliste nahezu jährlich, nachdem dieser exotische Eindringling in Teilen Südamerikas, der Karibik, des Pazifik und vor allem in Nordamerika heimisch wurde (zu Europa s. unten). Erstaunlich wenige Beobachtungen gibt es bislang aus Afrika (Krueger & Hagen, 2007). Trotzdem gehört Ae. albopictus zu den "100 of the World's Worst Invasive Alien Species".

Die Ursache für die Ausbreitungswelle ist partiell in der Lebensweise der Mücke zu finden. Ähnlich wie Ae. aegypti ist auch Ae. albopictus ein Behälterbrüter, d.h. ihre Larven leben nicht in offenen Wasserstellen wie die von Culex- oder Anopheles-Mücken, sondern in wassergefüllten Hohlräumen jeglicher Art. Die Tigermücke hat sich insbesondere über den interkontinentalen Altreifenhandel sowie in neuerer Zeit mittels sogenannter "Lucky Bamboo" (Dracaena sp.)-Exporte aus Asien verbreitet. Die Verschleppung kann außer im adulten Stadium auch als Larve, Puppe oder als Ei stattfinden. Aedes-Weibchen legen ihre Eier im Unterschied zu anderen Mücken nicht auf der Wasseroberfläche, sondern am Rand potenzieller Gewässer oder Behälter ab. Die Eier weisen eine gewisse Trockenresistenz auf bzw. benötigen zur Reifung sogar eine Trockenphase. Dies kann sich über eine Zeitspanne von mehreren Monaten hinziehen, eine optimale Voraussetzung für das Überdauern bei längeren Schiffstransporten. Eine weitere Überdauerungsstrategie, die eine Besiedlung gemäßigter Breiten wie Nordamerika ermöglichte, ist die Überwinterung (Hibernation; als sogenannte Dia-Pause ebenfalls im Ei-Stadium), die normalerweise bei tropischen Arten nicht vorkommt. Man weiß allerdings heute, dass es besonders im gemäßigten Japan Mücken-Populationen gibt, die sich auch in nördlicheren Regionen wie den USA oder Europa ansiedeln konnten, während die Populationen in Südamerika oder Afrika aus dem tropischen Südostasien stammen.

Der Besiedlung der USA durch Ae. albopictus Mitte der 1980er Jahre folgte etwa 15 Jahre später die Einschleppung des West-Nil-Virus (WNV). Das Virus breitete sich binnen weniger Jahre über alle Bundesstaaten aus und führte seitdem zu Tausenden von Fällen und mehreren Hundert Toten. Gerade die hohe Mortalität ist bemerkenswert und deutet auch hier auf einen Virulenzsprung hin, der beim Übergang von der Alten in die Neue Welt aufgetreten sein muss. Ursprünglich war WNV in erster Linie als Pferdekrankheit bekannt, allerdings auch mit einer hohen Virulenz. Todesfälle beim Menschen waren jedoch bei Ausbrüchen in Süd- und Osteuropa bzw. in Afrika die Ausnahme. Nichtsdestotrotz ist für den Ausbruch in den USA kaum Ae. albopictus verantwortlich. Zwar wurden infizierte Mücken dieser Art gefangen, aber Hauptüberträger des WNV, das eine Zoonose von Zugvögeln ist, sind Vogelblut bevorzugende Culex-Mücken.

Ae. albopictus kann zwar unter experimentellen Bedingungen weit über 20 Typen von Arboviren übertragen, in der Natur spielt er aber vor allem eine Rolle als effektiver Überträger von Chikungunya-Viren und als Sekundärvektor (nach Ae. aegypti) für Dengue-Viren. In den meisten neu besiedelten Gebieten (Südamerika, Afrika, Europa) hat Ae. albopictus bislang keine Bedeutung als Krankheitsüberträger.

Aedes albopictus in Europa
Ähnlich wie im Falle von Ae. aegypti (vor 1950) ist auch bei Ae. albopictus zu vermuten, dass deren Auftreten in Europa weniger dem wärmer werdenden Klima als vielmehr unmittelbaren anthropogenen Einflüssen, z.B. Altreifenhandel, zuzuschreiben ist. Wie bereits erwähnt, können bei Ae. albopictus, im Unterschied zu Ae. aegypti, Anpassungen an verschiedene Klimazonen beobachtet werden, die darauf beruhen, dass es bereits in Asien, dem Herkunftsgebiet dieser Mücke, sowohl nördliche Populationen mit Fähigkeit zur Überwinterung als auch tropisch-äquatoriale und somit kälteempfindliche Populationen gab. Für die kälteresistenten Formen wird als nördliche Verbreitungsgrenze die –5°C Januar-Isotherme angenommen. Somit könnte insbesondere eine Abmilderung unseres Winterklimas ein Vorrücken der Tigermücke nach Mitteleuropa beschleunigen. Zum Vergleich: die nördliche Verbreitungsgrenze des DEN-Virus wird entlang der +10°C Januar-Isotherme gesetzt, die etwa durch Süditalien verläuft.

Die bisherige Invasion Süd- und Mitteleuropas liest sich folgendermaßen: 1. Albanien (1979), 2. Italien (1990), 3. Frankreich (1999), 4. Belgien (2000), 5. Montenegro (2001), 6. Schweiz und Israel (2003), 7. Kroatien und Spanien (2004), Bosnien-Herzegowina, Griechenland, Slowenien und den Niederlanden (2005). Inwieweit es jeweils zu einer dauerhaften Ansiedlung gekommen ist, kann derzeit noch nicht sicher gesagt werden. Angesichts der Funde in unseren Nachbarländern Belgien, den Niederlanden und der Schweiz kann aber ein erhöhtes Risiko für Deutschland nicht geleugnet werden und es ist in den nächsten Jahren mit dem Auftreten der Tigermücke bei uns zu rechnen. Einen besonders anschaulichen Vergleich hierfür liefert uns das Beispiel Spanien, wo noch über mögliche Herausforderungen einer Invasion diskutiert wurde, während genau dieser Fall eintrat (Aranda et al., 2006). Dabei gehört Spanien zu den wenigen Ländern, bei denen die Einschleppung offenbar nicht über Altreifen stattfand, sondern vermutlich mit Pflanzenimporten (z.B. "Lucky Bamboo" wie in den Niederlanden).

Zweifellos wäre Deutschland für beide Einschleppungsrouten geeignet. Zudem böten größere Hafengebiete in Städten wie Hamburg oder Bremerhaven schwer überschaubare Kleinbiotope, die eine relativ aufwendige Überwachungsstrategie erfordern würden. Dennoch, eine erfolgreiche Einschleppung sollte auch hierzulande zukünftig nur dann möglich sein, wenn die betreffende Mückenpopulation kältetolerant ist.

Für den Mittelmeerraum hat Mitchell (1995) das Vektor-Potenzial von Ae. albopictus für Arboviren folgendermaßen eingestuft: hoch für DEN und Rifttalfieber ("rift valley fever", RVF); mittelhoch für WNV und Gelbfieber; niedrig für Sindbis (s. nächster Abschnitt). Für einige weitere Viren sind keine Daten verfügbar, die das Vektorpotenzial der Tigermücke ausreichend belegen. RVF ist eine Zoonose bei ostafrikanischen Huftieren, jedoch scheint das Hauptreservoir die Überträgermücke zu sein, da das Virus transovariell, also über die Eier in der Mückenpopulation weitergegeben wird. Ostafrikanische Überträgerarten sind u.a. Aedes dalzieli, Ae. durbanensis, Ae. lineatopennis sowie zahlreiche Culex-, Mansonia- und Anopheles-Arten. Während besonders niederschlagsreicher Regenzeiten kommt es etwa alle 10-15 Jahre zu erhöhten Mückendichten und anschließend zu RVF-Ausbrüchen, die sich dann auf Nutztierherden und den Menschen ausbreiten. Für die Humaninfektion spielen die Vektoren keine große Rolle mehr, da das Virus auch durch Kontakt mit bzw. Verzehr von infektiösem Fleisch übertragbar ist. Vermutlich führten entsprechende Fleischtransporte auch schon zu kleineren Ausbrüchen in Ägypten, Mauretanien und Saudi Arabien. Die Nähe zu Südeuropa deutet an, dass durch Fleischexporte oder bei Vorhandensein eines Vektors durchaus auch eine Ausbreitung nach Norden denkbar wäre. Im November 2006 kam es zu einem Ausbruch in Kenia, der innerhalb von 2 Monaten über 120 Menschenleben forderte. Dies entspricht einer Sterblichkeitsrate ca. 30 Prozent. Bei jungen Tieren kann die Mortalität sogar 100 Prozent erreichen. Bereits Ende Januar 2007 hatte sich die Epidemie nach Somalia im Norden bzw. Anfang Februar nach Tansania im Süden ausgebreitet. Einen ganz ähnlichen Verlauf hatte der bis dahin größte Ausbruch im gleichen Gebiet neun Jahre zuvor (Woods et al., 2002).

Bei der Frage nach dem Vektorpotenzial von Ae. albopictus in Europa muss man trotz allem davon ausgehen, dass entsprechende exotische Viren wohl temperaturabhängiger als Mücken sind und dem Vektor nicht automatisch folgen. Andererseits ist das Vorkommen eines kompetenten Vektors natürlich Voraussetzung für ein erfolgreiches Vordringen eines Erregers bzw. einer Krankheit. Ein eindrückliches Beispiel war das erstmalige Auftreten der Blauzungenkrankheit in Deutschland im Herbst 2006 (siehe Kampen et al.).

In Mitteleuropa heimische Aedes-Arten und Arboviren
Wie eingangs schon erwähnt, sind aus Deutschland 24 Aedes-Arten bekannt. Nach neueren Erkenntnissen werden diese allerdings, analog zum Wechsel von Aedes zu Stegomyia, in verschiedene Gattungen aufgeteilt. Stegomyia selbst war ursprünglich in Mitteleuropa nicht vertreten. Zahlreiche heimische Arten gehören jetzt zur Gattung Ochlerotatus, vormals eine Untergattung von Aedes. Als kompetente Vektoren in Mitteleuropa sind hauptsächlich die vier Arten Ae. vexans, Ae. cinereus, Ae. (=Ochlerotatus) caspius und Ae. (=Ochlerotatus) cantans von Interesse. Diesen gegenüber stehen neun bislang in Europa identifizierte durch Mücken übertragene Arboviren, von denen fünf, Sindbis-Virus, WNV, Tahyna-Virus, Batai-Virus und Inkoo-Virus, als Krankheitserreger gelten (Medlock et al., 2006). Aus Deutschland liegen davon insbesondere für Tahyna einige Beobachtungen vor, z.B. aus Hessen und Rheinland-Pfalz. Die betreffenden Mücken-Arten sind sogenannte Auwald- bzw. Wald-Mücken. Daneben werden jedoch auch andere, nicht zu Aedes gehörende Arten wie z.B. die Hausmücke Culex pipiens als Überträger vermutet. Dies gilt besonders für die Übertragung von WNV. Auf Grund der Ereignisse in den USA in Bezug auf WNV und der dortigen Vektorrolle von Culex-Arten muss damit gerechnet werden, dass diese Arbovirose auch in Europa in naher Zukunft verstärkt auftritt.

Ungeachtet dessen muss man berücksichtigen, dass alle genannten Viren zoonotisch sind, d.h. natürlicherweise in freilebenden Tieren (Vögel, Säuger) vorkommen und in deren Lebensräumen durch sogenannte enzootische Vektoren übertragen werden. Diese sind oft wenig anthropophil, d.h. meiden wenn möglich den Menschen als Wirt. Daher bedarf es für die Übertragung auf den Menschen entsprechender Brücken-Vektoren, die eine geringe Wirtsspezifität zeigen und z.B. Vögel und Menschen gleichermaßen anfliegen.

Bislang gehört Mitteleuropa also nicht zu den Hochrisikogebieten von nominell tropischen Arboviren wie DEN, WNV oder CHIK und nur sehr bedingt zu den Verbreitungsgebieten hochkompetenter, exotischer Aedes-Überträger. Aedes aegypti war zumindest historisch in Südeuropa heimisch, während sich Ae. albopictus in den letzten Jahren ausbreitet. Eine Klimaerwärmung könnte diesen Arten Vorschub leisten. Man muss aber davon ausgehen, dass importierte Viren selbst mildere mitteleuropäische Winter nicht tolerieren. Vereinzelte Übertragung in warmen Sommern könnte jedoch möglich sein.

Schlussbetrachtung

Die Gesundheitsrisiken von durch Aedes-Arten übertragenen Viruserkrankungen sind, weltweit gesehen, beträchtlich und in Zunahme begriffen. Hauptursache hierfür sind bislang jedoch nicht Klimaveränderungen, sondern unmittelbar menschliches Verhalten. Sowohl das Eindringen in Naturherde als auch die aktive und passive Verschleppung von Vektor und Virus haben ihren Teil dazu beigetragen. Obwohl eng an den Menschen gebunden, sind die Mücken nur sehr schwer zu kontrollieren und eine zukünftige Klimaerwärmung könnte die Probleme weiter in gemäßigte Breiten, also auch nach Mitteleuropa ausweiten. Erste Anzeichen dafür sind bereits erkennbar, so dass eine entsprechende Überwachung, analog zur Einschleppung von Krankheiten, nötig sein wird.

Literatur

Links:

RMZ, 24.10.2012



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