Reiseinformationen - Mediterrane Dišt


Positive Gesundheitseffekte bei mediterranem Lebensstil?

Bildquelle: Werner Schönherr

Grundlagen
Erste Hinweise auf eine möglicherweise gesündere Lebensweise in den Mittelmeerländern ergaben sich während einer 15 Jahre dauernden Vergleichsstudie von C. Aravanis und A. Keys in den 1950er und 1960er Jahren (Aravanis 1970). Hierbei wurde die Häufigkeit von Gefäßerkrankungen und Krebsleiden in sieben unterschiedlichen Ländern untersucht. Interessanterweise wurde hierbei vor allem auf der Insel Kreta eine signifikant höhere Lebenserwartung in Verbindung mit einem selteneren Auftreten der koronaren Herzkrankheit beobachtet. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation lag in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten die Rate tödlicher Herzinfarkte fast vierzigmal höher als auf Kreta. Aufgrund dieser Ergebnisse wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass der mediterrane Lebensstil, insbesondere die Ernährungsgewohnheiten auf Kreta, einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben könnten. Vor allem den ungesättigten Fettsäuren im qualitativ hochwertigen Olivenöl, dem reichlichen Verzehr von Gemüse und dem relativ geringen Anteil an Fleisch und tierischen Fetten an der Ernährung wurde ein Einfluss am Gesamteffekt beigemessen. Auch ein möglicher Einfluss des in den Mittelmeerländern üblichen mäßigen Konsums von Rotwein wurde untersucht.

Neuere Studien
Im Jahr 2003 veröffentlichten Forscher der Universität Athen (A. Trichopoulou und Kollegen) Ergebnisse, bei der die aktuellen Ernährungsgewohnheiten in Griechenland und anderen Ländern in Bezug gesetzt wurden zur allgemeinen Mortalität und zu Herzerkrankungen. Dabei wurde festgestellt, dass ausgeprägte Mittelmeer-Kost die Lebenserwartung verlängert, und zwar bei einem 60-jährigen Mann statistisch um ein Jahr. Das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen kann unter einer Mittelmeerdiät möglicherweise um bis zu 50 Prozent reduziert werden, wenn neben Olivenöl auch regelmäßig (Wal-)Nüsse verzehrt werden. Nach Ablauf einer aktuellen Studie verspricht man sich ein tieferes Verständnis für Einfluss einer mediterranen Diät auf den Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen. Vorläufige Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "Annals of Internal Medicine" des American College of Physicians publiziert (Estruch 2006; Predimed-Projekt, Leiter: Emilio Ros, Barcelona). Hierfür werden 9000 Risikopatienten (Übergewicht und/oder Diabetes) über mehrere Jahre untersucht. In der ersten Projektphase wurden drei Probanden-Gruppen mit unterschiedlicher Ernährungsweise über drei Monate beobachtet und miteinander verglichen. In der Gruppe mit mediterranem Ernährungsstil fanden sich niedrigere Blutdruck-, Cholesterin- und Triglyceridwerte als in einer Gruppe mit fettarmer Ernährung. Auch die entzündliche Aktivität an den Gefäßwänden war rückläufig. Außerdem fanden sich niedrigere Blutzuckerwerte und ein erhöhtes („gutes“) HDL-Cholesterin. In einer 2008 im British Medical Journal (BMJ) veröffentlichten Studie fand sich ein statistisch signifikant verringertes Risiko unter einer mediterranen Diät an Diabetes Typ II (sog. “Altersdiabetes”) zu erkranken.

Bildquelle: Jochen Affeldt

Nach einer US-amerikanischen Studie, die 2006 publiziert wurde (Scarmeas 2006), verringert die mediterrane Kost auch das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Zu dieser Einschätzung sind die Leiter einer Studie des Columbia University Medical Center gekommen. Über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren wurden Ernährungsgewohnheiten und Gesundheit von 2.200 Personen beobachtet. Je konsequenter sich die Teilnehmer an die Mittelmeer-Diät hielten, desto geringer war die Inzidenz von Alzheimererkrankungen (Annals of Neurology). Experten wie C. Ballard von der Alzheimer´s Society betonten, dass diese Studie darauf hinweise, dass eine gesunde mediterrane Ernährung einen schützenden Effekt habe. Hierzu gehört ein reichlicher Verzehr von Früchten, Gemüse und Kohlenhydraten; außerdem etwas Fisch und mäßig Alkohol. Auf Milchprodukte und Fleisch wurde fast gänzlich verzichtet.
Die Studienärzte dokumentierten den neurologischen Gesundheitszustand und die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmer. Die individuelle Zusammenstellung der Nahrungsmittel wurde auf einer Mittelmeer-Diät-Skala zwischen eins und neun bewertet. Während der Laufzeit der Studie wurde bei 262 Teilnehmern Alzheimer diagnostiziert. Es zeigte sich, dass für jeden zusätzlichen Punkt auf der Mittelmeer-Diät-Skala das Alzheimerrisiko um fast zehn Prozent sank. Über ähnlich positive Ergebnisse berichtet eine im September 2008 veröffentlichte Meta-Analyse. Insgesamt 1.574.299 Patienten wurden über einen Zeitraum von 3 bis 18 Jahre beobachtet. Bei den Probanden unter Mediterraner Diät fand sich eine signifikant geringere Gesamtsterblichkeit (um 9%) sowie eine geringere Sterblichkeit durch Herzerkrankun-gen (um 9%) und Krebsleiden (um 6%). Auch wurde das Auftreten von Alzheimer und Parkinson bei mediterraner Ernährung um bis zu 13% seltener beobachtet.

Kritische Bewertung
Es ist nach wie vor unklar, ob der günstige Einfluss der mediterranen Diät auf das kardiovaskuläre Risikoprofil sich grundsätzlich auch auf Mitteleuropäer übertragen lässt. Einige Autoren kommen zu einer positiven Gesamtbewertung (de Lorgeril 2008). Bei der Mehrzahl der Untersuchungen handelte es sich um Bewohner der Mittelmeerländer (Griechenland, Spanien, Italien). Ein Benefit einer mediterranen Kost mit hohem Fettanteil („Kreta-Diät“) für Mitteleuropäer ist keineswegs gesichert (Waijer 2006, Bamia 2005). Bei der Verstoffwechselung großer Mengen von Nahrungsfetten spielen auch genetische Aspekte eine Rolle. So wird ein hoher Fettanteil in der Nahrung möglicherweise besser von Populationen toleriert, bei denen diese Ernährungsgewohnheit bereits seit Jahrtausenden tradi-tionell in der Kultur verankert ist. Auch lassen sich die Daten der ursprünglichen Studien aus den 1960er Jahren nicht auf die aktuellen Lebensumstände der Europäer übertragen. Bei den damals auf Kreta untersuchten Personen handelte es sich überwiegend um hart arbeitende Bergbauern. Die Ernährungsgewohnheiten können daher nicht losgelöst von der sonstigen Lebenssituation betrachten werden. Aufgrund von hoher Kalorienzufuhr und zu wenig Bewegung leidet auf Kreta heute etwa ein Drittel der Jugendlichen an Übergewicht. Auch mögliche positive Effekte von Rotwein können bereits durch ein geringes, aber regelmäßiges Zuviel rasch ins Gegenteil verkehrt werden. Generell ist zu betonen, dass epidemiologischen Studien naturgemäß nur Korrelationen und keine eindeutigen kausalen Zusammenhänge aufzeigen können.

Fazit
Lebenserwartung und Gesundheit des einzelnen Menschen hängen grundsätzlich von verschiedenen Faktoren ab. Daher kann keine universell gültige Empfehlung zu Ernährung und Lebensstil gegeben werden. Eine Verringerung tierischer Nahrungsbestandteile (Fett, Fleisch) im Ernährungsplan zugunsten anderer Komponenten wie ungesättigter Fett-säuren (hochwertiges Olivenöl, Nüsse, Fisch) und Gemüse in Verbindung mit ausreichend körperlicher Bewegung ist jedoch immer erwägenswert.

Literatur:

Weitere Artikel

 

RMZ, 23.10.2012



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