Reiseinformationen - Visiting friends and family


Besuche bei Freunden und Familie in den Tropen und Subtropen


Bildquelle: Melanie Kiel


Einführung
In Deutschland leben schätzungsweise 15 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund, von denen viele ihr Herkunftsland bzw. das Herkunftsland ihrer Eltern oder Großeltern regelmäßig besuchen. In den USA bereisen etwa 10 Mio. Immigranten ihre Herkunftsländer. Da sich die Immigranten hinsichtlich ihrer Reiseziele und ihres Risikoprofils zum Teil stark von Pauschaltouristen unterscheiden, wurde in den angelsächsischen Ländern der Begriff “Visiting friends and relatives” (VFR) geprägt.


Besonderheiten bei VFRs
Etwas Gewohntes (wie Risiken im Straßenverkehr) wird meist als weniger bedrohlich empfunden als “exotische Risiken” (“eine seltene Infektionskrankheit”).

Für Migranten aus tropischen Ländern zählt eine regelmäßige Malariainfektion ähnlich zum jährlichen Rhythmus wie für Europäer eine Atemwegsinfektion (“Grippe”). Nach jahrelangen Aufenthalten in Malariahochrisikogebieten entwickelt sich nämlich eine Teilimmunität, die dazu führt, dass Malariainfektionen einen deutlich milderen Verlauf nehmen.

Nach einem längeren Aufenthalt in einem Industrieland sind rückkehrende oder besuchende Migranten ebenso gefährdet, schwere Verlaufsformen der Malaria zu erleiden wie Nordeuropäerer oder Amerikaner, da sich die erworbene Teilimmunität
rasch verliert.

Das Gefühl der Vertrautheit mit dem Reiseland führt bei VFRs dazu, dass diese häufig (etwa in 70% der Fälle) auf eine entsprechende Beratung verzichten. Problematisch wird häufig dann, wenn eine völlig auslandsunerfahrene, ggf. schwangere Partnerin und ggf. noch ein Baby mitgenommen werden, um sie den in dörflicher Region lebenden Großeltern vorzustellen, oder um an einem ungeplanten wichtigen Ereignis teilzunehmen wie Hochzeiten oder Trauerfeier. Dann werden oft nicht nur real bestehende Risiken der auslandsunerfahrenen Mitreisenden unterschätzt (“Kein Problem, ich kenne mich da super aus”), sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer Kulturschocks, da die Konfrontation mit einer für Mitreisende fremden Umwelt sowie Kommunikations- und Beziehungsstruktur wesentlich intensiver abläuft als bei Touristen, bei denen Europa quasi in der Reiseorganisation mitfährt. Als Kulturschock bezeichnet man eine krisenhafte aber regelhaft ablaufende Phase einer kulturellen Anpassungsreaktion, bei der Freude und Neugier auf das Fremde vorübergehend abgelöst wird von Angst, Verunsicherung und psychischer Instabilität. Da die Immunabwehr dabei geschwächt wird und das eigene Verhalten fahrig wird, sind dann auch Krankheitsereignisse nicht selten, zumal die Verwandten häufig in abgelegenen Regionen mit schlechter Infrastruktur und Versorgung leben. Je besser auslandsunerfahrene Mitreisende über diese natürliche Reaktion informiert sind und der erfahrene Partner sich auf eine schonende Heranführung an das Neue und eine ggf. notwendige Unterstützung vorbereitet, desto seltener werden größere Probleme auftreten.

Bildquelle: Jäger


Aber auch wenig untersucht sind mögliche psychische Auswirkungen eines Besuches von Emigranten im ehemaligen Heimatland. Leicht kann man erneut mit längst vergessenen Konflikten und negativen Erlebnissen konfrontiert werden. Ursache für erheblichen Stress können bei den Reisenden auch hohe Erwartungen der Familie hinsichtlich Geschenken und finanzieller Zuwendungen sein. Dass das Leben in westlichen Ländern keinesfalls mit Wohlstand gleichzusetzen ist, kann schwer zu vermitteln sein und wird mitunter aus einem gewissen Schamgefühl heraus nicht angesprochen.

Erkrankungsspektrum
Im Falle eines engen Zusammenlebens mit Freunden und Familie besonders bei Aufenthalten in ländlichen Gebieten kann gegenüber Pauschalreisenden ein statistisch erhöhtes Risiko für bestimmte Infektionskrankheiten wie virale Hepatitis (3,1-faches Risiko) oder Malaria (2,9-faches Risiko), Meningitis u.a. Im Rahmen einer Auswertung des GeoSentinel Surveillance Networks fand sich in der Gruppe der VFRs auch eine Häufungen parasitärer Darminfektionen, Atemwegsinfektionen und sexuell übertragbarer Erkrankungen. Es kann in der Regel nicht vorausgesetzt werden, dass sich Reisende bei Besuchen - trotz aller Empfehlungen zur Nahrungsmittel- und Trinkwasserhygiene - anders ernähren als die übrigen Familienmitglieder. Interessanterweise fanden sich Episoden von Reisediarrhöe in der Gruppe der VFRs seltener als bei Pauschaltouristen.
Erhöhte Risiken für bakterielle Hirnhautentzündung durch Meningokokken können sich durch enges Zusammenleben mit Kindern und anderen Familienmitgliedern ergeben. Auch ein Kontakt zu Tuberkuloskranken ist nicht auszuschließen; das Übertragungsrisiko, außerhalb eines sehr engen Kontaktes, wie z.B. in der Krankenpflege, ist sehr gering.

In ländlichen Regionen gehört der intensive Kontakt mit Tieren zum normalen Bestandteil des täglichen Lebens und damit erhöht sich das Risiko für Infektionen wie Tollwut.

Schwangere Frauen, Kleinkinder oder Personen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes u.a. sind auf die Verfügbarkeit einer sicheren Gesundheitsversorgung angewiesen. Schwangere werden von Mücken lieber angeflogen als andere Menschen und daher ist bei ihnen das Risiko für Malaria erhöht (und zudem eine Malaria-Chemoprophylaxe nicht einfach).

Wenn Gesundheitsprobleme auftreten, kann das örtlich verfügbare Gesundheitswesen neue Schwierigkeiten und manchmal sogar ungleich größere Probleme verursachen als die eigentliche Krankheit. Zum Beispiel ist in vielen Ländern auch das Gesundheitswesen für einen wesentlichen Teil der Dynamik der HIV/AIDS-Verbreitung verantwortlich. Für Touristen und Berufsreisende ist eine sehr gute ärztliche Versorgung meist durch Empfehlungen erreichbar, VFRs werden dagegen mit der Realität sehr zweifelhafter Gesundheitszentren konfrontiert oder mit modernen oder pflanzlichen Heilmitteln, deren Zusammensetzung völlig im Dunkeln bleibt.

Empfehlungen

Fazit
Mit zunehmender Zuwanderung dürften auch in Deutschland die VFRs in der tropen- und reisemedizischen Versorgung weiter an Bedeutung gewinnen. Ist die einzelne Reise nicht lange im Voraus planbar, so kann es umso sinnvoller sein, ohne festes Abreisedatum und noch völlig ohne Reisestress eine reisemedizinische Beratung in Anspruch zu nehmen. Existiert bereits ein fester Abreisetermin ist es - besonders bei mitreisenden Kindern - sinnvoll, bereits etwa sechs Wochen vor Abreise mit empfohlenen Impfungen und sonstigen Maßnahmen (Zusammenstellung der Reiseapotheke, Kauf von Mückenabwehrmitteln und imprägniertem Moskitonetz etc.) zu beginnen.

Für im Reiseland unerfahrene Mitreisende ist es dringend empfehlenswert, die Landessprache zumindest in den Grundzügen zu lernen (mindestens die lokalen Höflichkeitsregeln) und sich unabhängig vom Reisepartner auf die zu erwartende Kulturanpassungsreaktion, zum Beispiel durch landesspezifische Literatur, vorzubereiten.

Quellen

 

 

MG, 21.08.2012



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