Reiseinformationen - Polio-Eradikation und Vorkommen des Erregers in der Umwelt (Teil 1)


 

Weite Teile der Erde sind heute frei von Kinderlähmung (Poliomyelitis). Das ist der flächendeckenden Einführung der Impfung in den 1950´er Jahren sowie der Global Polio Eradication Initiative (GPEI) Ende der 1980´er Jahre zu verdanken. Von den drei Wildpoliovirus (WPV)-Typen 1-3 konnte der Typ 2 bereits vollständig ausgerottet (eradiziert) werden. Hierdurch ist eine ökologische Nische freigeworden, entsprechend haben demgegenüber WPV 1 und WPV 2 wieder an Bedeutung gewonnen. (Klepac 2013) Da ein sehr großer Anteil der Poliovirus-Infektionen asymptomatisch verläuft und die Erreger besonders von Immungeschwächten über lange Zeit ausgeschieden werden können, ist es vergleichsweise schwierig, rechtzeitig zu erkennen, in welchen Regionen die Poliomyelitis wieder heimisch wird. Treten einige Fälle von schlaffer Lähmung bei Kindern auf, ist es meist zu spät, da dann bereits schon ein nennenswerter Teil der Bevölkerung durchseucht ist. Einem einzigen Fall von dauerhafter Lähmung stehen bis zu 200 unauffällige Infektionen gegenüber. Heute sind es vor allem drei Länder, in denen sich der Erreger hartnäckig hält: Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Nicht nur, dass die GPEI dort bislang nicht erfolgreich verlief, die Situation dort stellt auch ein permanentes Risiko für andere inzwischen poliofreie Länder dar. Eine Einschleppung des Polioerregers in zuvor poliofreie Länder mit lokalen Ausbrüchen wurde in den vergangenen Jahren gehäuft beobachtet. (Epidemiologisches Bulletin 2011/ Nr. 42)


Hinderungsfaktoren

Als wichtigste Hinderungsfaktoren für den dauerhaften Erfolg einer Polioimpfkampagne gelten (Klepac 2013):
 


Voraussetzungen

Der finanzielle und organisatorische Aufwand für die vollstänge Ausrottung einer Infektionskrankheit steigt, insbesondere besonders sobald das Ziel in greifbare Nähe rückt, unverhältnismäßig stark an. Alleine schon der Nachweis der ja überwiegend völlig symptomlosen Infektionen in einem Land, dass bereits schon weitgehend poliofrei ist, stellt das Internationale Gesundheitswesen vor enorme Herausforderungen. Eradikationsprogramme- einmal abgesehen von sonstigen Voraussetzungen - können nur gelingen, wo ein strikter politischer Wille, ausreichende finanzielle Resourcen und ein Interesse breiter Teile der Öffentlichkeit bestehen. Idealerweise sollten auch Personen mit eingebunden sein, die bei der lokalen Bevölkerung Einfluss genießen, z.B. religiöse Führer oder höhere Beamte. In Ländern, die sich mit dem Polio-Impfprogramm besonders schwertun, z.B. Pakistan, ist oft genau das Gegenteil der Fall. In Stammesgebieten im Nordwesten Pakistans haben Taliban-Führer die Impfung sogar ausdrücklich verboten. Die Helfer, die die Impfungen durchführen, werden dort inzwischen als westliche Agenten betrachtet und sind ihres Lebens nicht mehr sicher. (Virus der Erregung – Ulrich Ladurner)


Eradikation als beste Lösung?

Abgesehen von diesen Schwierigkeiten muss eine vollständige Eradikation bestimmter Infektionskrankheiten tatsächlich nicht unbedingt die beste Option sein und wird auch von Teilen der Forschergemeinde inzwischen kritisch gesehen. Sobald eine Erkrankung vollständig eliminiert ist, gäbe es keinen Grund mehr, die Bevölkerung weiter dagegen zu impfen. Folglich wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Weltbevölkerung komplett ihren Impfschutz gegen diese Krankheit verlöre. Würde sich beispielsweise der Polioerreger jedoch über lange Zeiträume in einer ökologischen Nische halten, z.B. in der Kanalisation einer beliebigen Stadt in einem Entwicklungsland, könnte er unvorhersehbar zu irgendeinem Zeitpunkt wieder auf die Bevölkerung überspringen. Selbst an sich harmlose Polioimpfviren können während längerer Abgeschiedenheit zu Erregern mit erhöhter Virulenz mutieren und dann zumindest ungeimpften Immungeschwächten durchaus gefährlich werden.

[Fortsetzung folgt]

MG, 11.02.2015



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