Reiseinformationen - Bangladeschs Gesundheitswesen


Bangladeschs Gesundheitswesen - so schlecht, so gut

Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Erde. Viel ärmer beispielsweise als Indien oder Pakistan. Kein Land in Südasien gibt so wenig für Gesundheit aus wie Bangladesch, nämlich lediglich 27 US-Dollar pro Kopf und Jahr. Qualifiziertes Gesundheitspersonal ist Mangelware. Auf 10.000 Einwohner kommen lediglich drei Ärzte und drei Krankenschwestern. Man kann also davon ausgehen, dass die Bevölkerung im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung nichts zu lachen hat. Umso erstaunlicher, ja gerazu verwirrend ist, dass Bangladesch eine Gesundheitsstatistik aufweist, die andere Länder in den Schatten stellt. Die renommierte Fachzeitschrift The Lancet, in der kürzlich eine Serie über das Gesundheitswesen in Bangladesch veröffentlicht wurde, bringt es auf den Punkt: „one of the great mysteries of global health“. Verglichen mit Indien, Pakistan und Nepal hat Bangladesch

Stimmen die Daten? Scheinbar ja. Internationale Gesundheitsexperten bestätigen die Richtigkeit der Angaben.


Bildquelle: Dr. H. Jäger

Ursachen für den Erfolg?

Im Zuge eines Generalstreiks, der zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung führte, gefolgt von einem blutigen Krieg mit Pakistan wurde Anfang der 1970er Jahre fast der gesamte Verwaltungsapparat des Landes beseitigt. Nach dem (gewonnenen) Krieg wurden Funktionen, die früher von Beamten ausgefüllt worden waren, durch lokale Nichtregierungsorganisationen (NGOs) übernommen. Diese NGOs widmeten sich mit viel Idealismus und Engagement dem Wiederaufbau des Landes und wurden nicht nur von der neuen Regierung akzeptiert, sondern erhielten auch finanzielle Unterstützung von außerhalb.

Der NGO-Sektor
Mit mehr als 120.000 Beschäftigten ist BRAC (Bangladesh Rural Advancement Committee) heute eine der größten NGOs weltweit (siehe auch hier). Millionen Menschen erhalten über BRAC Zugang zu Mikrokrediten. Außerdem ist BRAC Träger von mehr als 30.000 Grundschulen und verfügt über etwa 70.000 ehrenamtliche Gesundheitshelfer. Über Bangladesch hinaus erreicht BRAC in weiteren Ländern Asiens und Afrikas insgesamt schätzungsweise 110 Mio. Menschen. Auch in Ländern wie den USA oder Großbritannien finden sich BRAC Niederlassungen. In Bangladesch übernehmen die NGOs auch zahlreiche Aufgaben im Öffentlichen Gesundheitswesen, z.B. Durchführung von Impfprogrammen und Vorsorgeuntersuchungen. Im Fokus steht die Unterstützung von Unterpreviligierten sowie Maßnahmen in besonders strukturschwachen Gebieten. Mehr als 80 Prozent der Krankenhäuser Bangladeschs befinden sich in privater Hand. Durch das Zusammenwirken von Regierung, NGOs und privaten Unternehmen haben sich im Land pluralistische Strukturen und zumindest in Teilen eine auch florierende Wirtschaft entwickelt.

 

Bildquelle: Dr. H. Jäger

Kritik

Der Einfluss den BRAC mittlerweise in Bangladesch erlangt hat, ruft auch Kritiker auf den Plan. BRAC sei mittlerweile ein Staat im Staat. Regierung und öffentliche Verwaltung seien viel zu abhängig geworden von einer einzelnen Nichtregierungsorganisation. Insbesondere die Gewährung von Mikrokrediten und der Verkauf von Hybridsaatgut in einer Hand berge Missbrauchspotenzial, sofern interne und externe Kontrollmechanismen nicht sehr gut funktionieren. (theguardian.com) Im Hinblick auf künftige Herausforderungen innerhalb des Gesundheitswesens ist zwar eine positive Rolle von NGOs weiterhin zu erwarten, ob diese in gewohntem Ausmaß schwache staatliche Leistungen werden kompensieren können, ist allerdings unsicher. Durch die Senkung der Säuglingssterblichkeit und Erfolge im Kampf gegen Infektionskrankheiten lässt sich die Lebenserwartung der Bevölkerung erhöhen. Damit dürften jedoch wiederum Krankheiten des Erwachsenenalters wie Bluthochdruck, Diabetes Typ II oder die Folgen des Rauchens an Bedeutung gewinnen. Die Versorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen stellt große Herausforderungen an das Gesundheitswesen eines Landes und setzt funktionsfähige staatliche Stellen voraus. Leicht könnte das fragile Gleichgewicht zwischen Staat, NGOs und Privatwirtschaft aus der Balance geraten. Mit der Folge, dass Millionen von chronisch Kranken nur die Wahl bliebe zwischen teuren privaten Gesundheitsleistungen oder völligem Verzicht auf medizinische Versorgung. Was dann unter Umständen auf das Gleiche hinausliefe, nämlich der Nichtverfügbarkeit ärztlicher Hilfe.

Fazit
Wenn es darum geht, ein darniederliegendes Gemeinwesen wieder aufzubauen, bietet die Einbeziehung von NGOs große Chancen. Selbst in wirtschaftlich höher entwickelten Ländern kann das Engagement von NGOs – vor allem innerhalb strukturschwacher Bereiche - segensreich sein. Ein Ersatz für einen funktionierenden Staat mit seinen vielfältigen Aufgaben, u.a. in den Bereichen Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Rechtssicherheit, Investition, Schaffung guter Handelsbedingungen und Umweltschutz, können NGOs hingegen nicht sein.

Quellen

 

MG, 23.07.2014



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