Reiseinformationen - Medienüberwachung im Dienst der Gesundheit?


Ein Boykott der Polioimpfung durch eine aufgebrachte Bevölkerung führte im Norden Nigerias während der Jahre 2003/2004 zu einem Rückschlag, von dem sich das Polioimpfprogramm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis heute nicht erholt hat. Nicht nur die Eradikation des Erregers vor Ort blieb erfolglos, auch wurde die Kinderlähmung von Nigeria aus in zwanzig weitere Länder importiert, die zuvor bereits als poliofrei galten.

Ursachen
Welches waren die Gründe für die ablehnende Haltung der überwiegend muslimischen Bevölkerung Nordnigerias? Die politischen und religiösen Führer der Bundesstaaten Kano, Zamfara und Kaduna forderten alle Eltern auf, ihre Kinder nicht gegen Polio impfen zu lassen. Sie begründeten dies mit der Behauptung, dass der Impfstoff mit Hormonen, HIV und krebsauslösenden Substanzen versetzt sei. Nicht zuletzt sei es Ziel der westlichen Staaten, die Kinder mit Hilfe der Polio-Impfung unfruchtbar zu machen. Die geballte weltliche und religiöse Autorität in Verbindung mit der Angst der Eltern, die eigenen Kinder könnten unfruchtbar werden, zeigte Wirkung und machte den Impfboykott so erfolgreich.

Ähnliche Phänomene lassen sich weltweit finden, unabhängig von Unterschieden zwischen Nord-Süd oder Ost-West, dem Bildungsgrad oder der religiösen Prägung. Abhängig vom kulturellen Kontext mag es jedoch unterschiedliche Wege geben, mit solcher Art Misstrauen gegenüber Gesundheitsprogrammen umzugehen. Mit Hilfe der Melinda & Bill Gates Foundation wurde aktuell eine Studie abgeschlossen, die einen Weg skizziert, wie sich eine „Anti-Impf-Haltung“ in einer Bevölkerung frühzeitig erkennen und so ggf. auch leichter beeinflussen lässt. Eine Methode, die jedoch mindestens so viele Fragen aufwirft wie sie beantwortet.

Media Surveillance
Heidi Larson und Kollegen sammelten mit Hilfe einer speziellen Softwareanwendung in Echtzeit systematisch Presseberichte und Social Media Reporte im Internet, in denen die Stichworte „Impfungen“, „Impfprogramm“ oder Ähnliches auftauchen. Die Berichte wurden dann von Hand ausgewertet und bestimmten Kategorien zugeordnet, z.B.

Es folgte dann neben der Aufschlüsselung in einzelne Länder auch eine Bewertung des möglichen Einflusses der Pressemeldungen auf die „Impfmoral“ der jeweiligen Bevölkerung. Durch die Echtzeitanalyse konnten auch Änderungen der Stimmungslage an unterschiedlichen Orten eines Impfprogrammes früh erfasst werden.

Pro
Nicht selten wird aus irrationalen Gründen auf sinnvolle Gesundheitsmaßnahmen verzichtet. Besonders problematisch ist dies, wenn Vorurteile bewusst geschürt werden, durch diejenigen, die politisch oder finanziell von der Unwissenheit einzelner Gruppen profitieren. Medienüberwachung dürfte ein wirksames Instrument sein, um gezielt und effizient Aufklärung betreiben zu können.

Contra
Eine gelungene Risikokommunikation setzt voraus, dass Laien und Experten bereit sind, sich auf Augenhöhe zu begegnen, eine andere Perspektive einzunehmen und Neues aus der Begegnung zu lernen. Eine Analyse von Stimmungen und pure Interventionen über die Köpfe der Betroffenen hinweg könnte im ungünstigsten Fall das Misstrauen innerhalb der Bevölkerung gegenüber der „propagierten“ Maßnahme eher noch verstärken, als dass es geeignet wäre, Vertrauen aufzubauen.

Fazit
Information kann vermittelt werden und bleibt haften, wenn sie dem Zuhörer ermöglicht, sie mit eigenen Konzepten und Erfahrungen zu verbinden. Widerspricht sie eigenen Konzepten (festgefahrene Erkenntniswelt, Ideologie, Dogma) wird die Information gelöscht oder Einzelnes so überhöht/verdreht, dass es sich widerlegen lässt, oder es entsteht erneut Angst/Aggression/ Panik. Um auf die Informations- und Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung während eines Impfprogrammes besser eingehen zu können, mag die Anwendung von Media Surveillance ihren Stellenwert haben. Wird sie jedoch zu einem bloßen Instrument, mit dessen Hilfe das „Objekt“ Bevölkerung gezielter beeinflusst werden soll, so wäre damit das Gegenteil von dem bewirkt, was erreicht werden soll.

 
Literatur

MG, 19.11.2013



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