Fachinformationen - Arsen Bangladesh


Arsenvergiftung in Bangladesch

Die bisher größte von Menschen verursachte Massenvergiftung (WHO 2000) betrifft in erster Linie Bangladesch. Sie folgte auf Interventionsprogramme, die für sauberes Trinkwasser sorgen wollten.

Problemlösungen schaffen offenbar manchmal neue Probleme, die ungleich größer sind als die, die es zu beseitigen galt. Die Bangladesch-Katastrophe zeigt: Auch gut gemeinte Hilfe kann "verschlimmbessern".

In Bangladesch trinken ca. 45 Millionen Menschen Wasser mit mehr als 10 Mikrogramm Arsen pro Liter. Weil die Zahl der Betroffenen immer größer wurde, erhöhten die Behörden in Bangladesch den Grenzwert auf 50 Mikrogramm pro Liter. Aber immer noch ca. 20 Millionen Menschen trinken Wasser mit mehr als 50 Mikrogramm pro Liter. Die landwirtschaftliche Nutzung von arsenhaltigem Wasser führt dazu, dass die Nutzpflanzen Arsen aufnehmen, insbesondere Reis und Gemüse. Das „Bangladesh Rice Research Institute“ wirbt daher für Verhaltensänderungen, wie für weniger Bewässerung und für den Anbau von Pflanzen, die weniger Wasser benötigen (Mais u.a.).

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Die Vorgeschichte in Bangladesch
 
Bis 1960 wurde in Bangladesch nur Oberflächenwasser genutzt: aus Flüssen, angelegten Teichen, Regenwasserbehältern oder Brunnen bis 20 m Tiefe. Damals waren wegen der geringen Hygienestandards Darmerkrankungen und Cholera sehr häufig. Die Weltkinderorganisation UNICEF finanzierte deshalb ein Programm zur sicheren Wasserversorgung, das von einer englischen Firma ausgeführt wurde. Bis heute wurden im Rahmen dieses Programms elf Millionen Rammbrunnen mit Handschwengelpumpen auf Bohrtiefen zwischen 50-100 Meter angelegt. Parallel startete ein politisches Programm der "grünen Revolution", das eine Bewässerung von Feldern und einen starken (u.a. auch arsenhaltigen) Insektizid- und Düngemitteleinsatz vorsah. Gleichzeitig wurden in Indien Dammanlagen errichtet, die zu einem Rückgang des Oberflächenwassers in Bangladesch in der Trockenzeit führten, weswegen vermehrt Grundwasser aus Schichten zwischen 50-100 Metern abgepumpt wurde.

1983 wurden die ersten Fälle von Arsenvergiftungen beschrieben. Noch 1990 bescheinigten britische Studien "beste Wasserqualität" in ganz Bangladesch, bis 1993 Studien der Universität Kalkutta die Arsenverseuchung des Trinkwassers aufdeckten. Ausgespart war im Delta nur die Region Dhaka, in der zur Vermeidung von Brackwasser Bohrbrunnen in 250 Meter Tiefe angelegt wurden.

Bildquelle: Jäger

Wie gelangte das Arsen ins Grundwasser?

Die Ursache der Verseuchung ist nicht endgültig geklärt.
 
Mit dem letzten Gletschervorschub der Eiszeit ins Bengalische Delta bildeten sich arsenkieshaltige, mit organischem Material versetzte Schichten, in denen heute das Grundwasser fließt.
 
Es wird diskutiert, dass chemische Reaktionen von arsenhaltigen Kieseln ausgehen könnten, die sich in den Grundwasserleitern befinden. Mineralisch gebundenes Arsen (Arsenkies) ist an sich ungefährlich, solange das Arsen nicht in wasserlösliche Ionen verändert (reduziert) wird. Oberflächliche Grundwasserleiter (~80m) enthalten organisches Material, das vom Sedimentabtrag aus dem Himalaya stammt. Wenn dieses organisches Material mit Luft in Berührung kommt (Austrocknen des Grundwasserleiters und Verbindung zur Oberfläche) und der Leiter dann wieder geflutet wird (in der Regenzeit), beginnen chemische Prozesse, die durch eindringende organische Kohlenstoffverbindungen verstärkt werden könnten. (Patel 2005, Bhattacharya 2002).
 
Gelöste Pestizide und andere organische Abfallstoffe können in Teiche oder Schutzbecken gegen Überflutung fließen und von dort in den Untergrund sickern, wo sie von Bakterien biologisch abgebaut werden. Dadurch würden geeignete chemischen Bedingungen für die Umwandlung in wasserlösliche Arsenverbindungen geschaffen. Eisenrost-haltige Erdschichten könnten dabei als Katalysator wirken. Die Grundwasserströmung führe das arsenreiche Wasser schließlich in die Trinkwasserbrunnen. (Linda 2009)
 
Herausforderungen für Öffentliche Gesundheit

Das Management der entstandenen Probleme ist ungeheuer schwierig. Bangladesch entwickelt sich auf einem vergleichbar niedrigen Niveau wie Laos oder Sambia mit einem Bruttosozialprodukt von nur 350 US$ pro Kopf und Jahr. Die Kindersterblichkeit beträgt 66 von 1.000 Geburten. Nur 41% der Bevölkerung können lesen. Arsenhaltiges Wasser ist für die Bevölkerung nicht direkt erkennbar, die komplexen Zusammenhänge werden nicht leicht verstanden und erforderliche Verhaltensänderungen würden zunächst die ohnehin sehr harte Lebenssituation der Landbevölkerung, insbesondere die der Frauen, verschlechtern.

Die Risiken für Krankheiten aller Ursachen, für alle chronischen Erkrankungen und für das allgemeine Sterblichkeitsrisiko steigen mit zunehmender Arsenkonzentration im Trinkwasser. Personen, die Wasser mit mehr als 150 Mikrogramm Arsen pro Liter nutzten, hatten ein 70% höheres Krankheitsrisiko als Personen, bei denen die Belastung des Wassers unter 10 Mikrogramm pro Liter blieb. Ein erhöhtes Risiko für arsenspezifische Krankheiten (Haut-, Nierenkrebs u.a.) war bereits zuvor belegt worden. Kurzzeitige Verminderungen von Belastungen, die durch Urinmessungen gesichert wurden, blieben während des Studienzeitraums von zwei Jahren ohne Auswirkungen auf das erhöhte Sterblichkeitsrisiko. (Karagas 2010)

Arsen führt zu Störungen des Immunsystems und kann daher die Empfänglichkeit für Infektionskrankheiten erhöhen. Auch Auswirkungen von Arsen auf die Entwicklung Ungeborener sind sehr wahrscheinlich, aber bisher noch wenig untersucht.

Die Mittel für Gesundheitsvorsorge und -information sind schon für andere sehr dringende Gesundheitsbereiche äußerst knapp: Mutter-Kindgesundheit, Familienplanung und HIV/AIDS. Auf Ärzte und Krankenhäuser kommt eine Welle neuer Krankheiten zu, die, wie z.B. Hautkrebs, chirurgisch versorgt werden müssen, oder bei denen, wie z.B. bei Störungen innerer Organe, wirksame Behandlungen fehlen. Eine ursächliche Therapie chronischer Arsenvergiftungen gibt es nicht. Medikamente, die bei akuter Arsenvergiftung angewandt werden, schaden bei chronischer Vergiftung. Häufig nachgefragte und angebotene "traditionelle Heilmethoden", wie Ayurveda oder pflanzliche Medikamente enthalten zum Teil hohe Konzentrationen von Schwermetallen (vor allem Blei) und Pestizidrückstände, die das Krankheitsbild der Arsenvergiftung wesentlich verschlimmern können.

Überlegungen, wieder vermehrt Oberflächenwasser zu benutzen, könnten erneut zu Hygieneproblemen führen. Hausfilteranlagen, die Arsen entnehmen, sind nicht billig, müssen gepflegt werden und liefern nur Wasser, das anschließend entkeimt werden muss, z.B. durch Abkochen. Die Akzeptanz dieser Systeme ist daher bei der Bevölkerung gering. Das traditionelle Regenwassersammelsystem in Teichen, das bis 1960 in Bangladesch üblich war, ist heute nicht mehr einfach nutzbar, da die Teiche inzwischen vermüllt sind oder für die Fischzucht verwendet werden. Vorschläge, weniger Pestizide, Düngemittel und Bewässerungsmaßnahmen zu verwenden, werden in der Landwirtschaft bisher nicht angenommen. Tiefbohrungen auf 250 Meter und der Aufbau eines Netzes von Wasserleitungen und Pumpstationen sind z.Z. für Bangladesch unbezahlbar, zumal keine an der Verursachung beteiligten Institutionen bisher die finanzielle Verantwortung für den entstandenen Schaden übernommen hat.

Ökonomische Last

Mithilfe lokaler Studien wurde ermittelt, dass Arsenexposition mit Konzentrationen >50 und zwischen 10 und 50 Mikrogramm pro Liter wahrscheinlich für jährlich 24.000 bzw. nicht weniger als 19.000 Tote in Bangladesch verantwortlich sind. Eine Sterberate, die mit Arsen in Verbindung gebracht wird, beträgt eins zu 18 bei Erwachsenen. Daraus könnte sich folglich eine ökonomische Last von 13 Billionen US-Dollar verlorener Produktivität innerhalb der nächsten 20 Jahre ergeben. Höchste Priorität hat zunächst die Versorgung der fünf Millionen Menschen, die einer Konzentration von mehr als 200 Mikrogramm Arsen pro Liter ausgesetzt sind. Zudem ist ein Ausbau lokaler Kapazitäten zum Testen von Arsenkonzentrationen nötig.

Durch anhaltende Bemühungen der Wasserüberwachung- und versorgung und weitere Investitionen könnte eine Arsenexposition der Bevölkerung Bangladeschs bis zum Jahr 2030 eliminiert werden. (Weitere Informationen: WHO)

 

Dringend nötig: konsequente internationale Unterstützung

Die Zahl der Brunnen mit Arsenbelastung wird steigen und die Konzentration des Arsens wird im Wasser bereits betroffener Brunnen zunehmen. Deshalb müssten

Beides wäre teuer. Die bisherigen Lösungsversuche wirken jedoch eher hilflos (Grenzwert heraufsetzen, Wegschauen, billige Hausfiltriereinrichtungen anbieten, ...).

Da das Bohrbrunnen-assoziierte Arsenprobelm auch in anderen Ländern vorkommt (Vietnam, Kambodscha, Nepal, West-Bengalen uva.) muss die Politik der Entwicklungszusammenarbeit zur Sicherung von Trinkwasserversorgung radikal überdacht werden.

Komplexe Welt und Problemlösungsmentalität

Menschen lernen in erster Linie aus Fehlern. In Bangladesch führte eine gut gemeinte, sehr einfach gedachte, mechanische Intervention (Bohrbrunnen anlegen) zu komplexen Folgen mit dramatischen Auswirkungen. Eine langfristig nachhaltige Entwicklung ländlicher Regionen stand nicht im Vordergrund. Ziele wie Bildung, Gleichstellung von Frauen, Entwicklung einer effektiv-ökologischen Landwirtschaft, sozial-stabile Entwicklung, erschienen nationalen und internationalen Programmplanern zu umfassend. Es bot sich stattdessen an zwei technisch kurzfristig-lösbare Probleme herauszupicken: die Beseitigung der Übertragungsmöglichkeit für Cholerabakterien über Oberflächenwasser und die Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge durch Abpumpen von Grundwasser und intensiven Pesitizideinsatz. Die daraus entstandene Situation ist wesentlich schwieriger als vor 30 Jahren. Ein Zurück zu 1970 kann es nicht mehr geben, u.a. da traditionelle Formen der Wasserspeicherung nicht mehr nutzbar sind, und Arsen und Pestizide längst in der Nahrungskette angekommen sind und dort auch bleiben werden. Aus solchen Fehlern können Planer und Betroffene lernen: sie können die "Logik des Mißlingens" (Dörner 2004" verstehen und berücksichtigen", dass manchmal "Dinge zurückbeißen" werden (Tenner 1996). Nachhaltige, resiliente Entwicklung könnte in den Vordergrund treten und Interventionen würden bescheidener, modellhafter ausgeführt und wären in ihren Ausirkungen langfristig sehr genau evaluiert. Das Handlungsmuster "Problem"-Bär erledigen, "ohne Rücksicht auf Verluste", war in der Frühzeit des Homo sapiens sehr erfolgreich. Deshalb ist dieses Denkmuster eingebrannt. In die heutige Zeit passt es nur noch sehr eingeschränkt.

Das ethisch philosophische Dilemma

Aus der Katastrophe in Bangladesch ergeben sich juristische und ethische Fragen:

  Gibt es einen oder mehrere Schuldige, die zur Verantwortung gezogen werden könnten?

Wenn es Schuldige gäbe, d.h. wenn jemand bereit wäre, oder durch ein internationales Verfahren gezwungen würde für das Geschehene die Verantwortung zu übernehmen, ergäbe sich eine nächste schwierige Frage ethischen Handelns: Sollten die Schuldigen zuerst den entstandenen Schaden wiedergutmachen, bevor sie andere Programme starten, die wiederum anderen helfen sollten? (BGS)

Konkret auf die Situation in Bangladesch bezogen, lauten diese ungeklärten juristisch-ethischen Fragen:
  1. Sind UNICEF („United Nations International Children’s Emergency Fund“) und BGS („British Groundwater Survey“) oder der Staat Bangladesch verantwortlich? Oder haftet die internationale Staatengemeinschaft dafür?
  2. Sollte UNICEF und die internationale Staatengemeinschaft andere Programme in Bangladesch fördern (Familienplanung etc.) solange der Schaden nicht wiedergutgemacht ist?

UNICEF und BGS bemühen sich im Rahmen neuer Projekte um Schadensbegrenzung (UNICEF, Douglas 2010).

Die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit konzentrierten sich viele Jahre darauf für eine keimfreie Wasserverorung zu sorgen. Heute ist es erforderlich, zusätzlich prioritär neue Fragestellugen zu beantworten:

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Links
Literatur
Weitere Artikel

 

HEF, SH, 25.02.2013



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