Fachinformationen - Influenza Impfung: Swine Flu 1976


Impfung gegen "Swine Flu" in den USA 1976

Jeder Virologe kennt Fort Dix, einen amerikanischen Militärstützpunkt in Burlington County, New Jersey, der inzwischen mit anderen Stützpunkten zur Joint Base McGuire-Dix-Lakehurst fusionierte. Im Januar 1976 breitete sich in Fort Dix unter dem dort stationierten Personal ein neues Influenzavirus mit einer erheblichen Geschwindigkeit  aus. Die Labordiagnostik ermittelte einen Erreger der Schweine-Influenza vom Typ A Hsw1N1. 230 von 19.000 Soldaten erkrankten. Bei 13 Patienten entwickelten sich Komplikationen u.a. mit schwerer Lungenentzündung, ein Soldat verstarb.

Hinzugezogene Experten vermuteten, dass ein ähnlicher  Virustyp auch für die verheerende Grippe der Jahre 1918-20 verantwortlich war. Man befürchtete eine Rückkehr der „Spanischen Grippe“, die nach heutigen Schätzungen 25 -50 Mio. Menschenleben gefordert haben soll, möglicherweise auch verursacht durch bakterielle Begleitinfektionen bei fehlender Verfügbarkeit von Antibiotika. Der damalige Präsident der USA Gerald Ford wurde überzeugt, die Produktion von 150 Mio. Dosen eines neuen Grippeimpfstoffes in Auftrag zu geben.

Im März 1976 begann eine nationale Kampagne, mit der das Ziel verfolgt wurde "jede Frau, jeden Mann und jedes Kind" in den Vereinigten Staaten gegen den neuen Erreger zu impfen. Nachdem bereits Millionen von Menschen geimpft worden waren, stellte sich heraus, dass der Erreger A Hsw1N1 sich außerhalb von Fort Dix nicht nennenswert weiterverbreitet hatte.

Stattdessen litten einige der Geimpften unter ernsten neurologischen Nebenwirkungen der Impfung. Es kam zu Fällen des Guillan-Barré Syndroms, einer sonst seltenen Erkrankung, bei der Nervenscheiden durch aktivierte körpereigene Zellen angegriffen werden. In der Folge entwickeln sich Empfindungsstörungen, Muskelschwäche und Lähmungen. Besonders bei älteren Patienten kann die Erkrankung, in bis zu 10% der Fälle, auch tödlich verlaufen.

In den vier Monaten der Impfkampagne von Oktober 1976 bis Januar 1977 wurden 45 Millionen Personen geimpft (nach anderen Schätzungen 40 bis 48 Mill.). Bei den Geimpften wurden 532 Fälle von Guillan Barré Syndom diagnostiziert. 25 dieser Personen verstarben (Langmuir, 1979, s.u.) .

Bis heute ist unklar, warum das "Schweinegrippevirus" im Jahr 1976 nicht auf die Bevölkerung der USA übergesprungen ist. Mehrere Faktoren dürften zusammengewirkt haben. Zum einen war zwar eine Mensch-zu-Mensch Übertragung möglich, aber offenbar nicht sehr effektiv. Zum anderen fand der Ausbruch in einem militärischen Sperrgebiet statt, also relativ abgeschirmt von der Außenwelt.

Ebenso unklar blieb, welche Komponente des oder der verwendeten Impfstoffe das Guillan-Barré Syndrom ausgelöst hatte.

Nachdem die Massenimpfung in einem Fiasko geendet war, gab das amerikanische Gesundheitsministerium (Department of Health, Education and Welfare, HEW) eine Studie in Auftrag, die klären sollte, wie es dazu kommen konnte. Dieser sorgfältige Bericht enthält in seiner Zusammenfassung Schlußfolgerungen, die auch heute unverändert  gelten, wie u.a. diese:

Gremien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatten sich damals zwar gegen großangelegte Impfkampagnen ausgesprochen, zum Teil aber nur deshalb, weil zahlreiche Mitgliedsländer nicht die erforderlichen finanziellen, logististischen und technischen Voraussetzungen besaßen, um eine Massenimpfkampagne durchzuführen (Dehner 2010).
Der Umfang und der Schwergrad der Auswirkung eines Influenza-Ausbruchs lässt sich, besonders wenn es sich um einen neuen Erreger handelt oder ein Impfstoff nicht spezifisch gegen dieses neue Virus wirkt, kaum voraussagen. Eine Epidemie kann  „im Sande verlaufen“, oder ein Ausbruch entwickelt sich ähnlich wie bei der saisonalen Grippe, oder es kommt zu sehr ernsten Entwicklungen mit zahlreichen Todesfällen. Tritt ein neuer Influenza-Erreger auf, ist die sehr genaue Beobachtung der Aktivität des Ausbruchs, epidemiologische Untersuchungen der Begleitumstände und ein international koordiniertes Vorgehen der Gesundheitsbehörden erforderlich, wie es 2009 bei dem neuen pandemischen Virus A(H1N1) geschah.

Eine Erinnerung an die Ereignisse von Fort Dix bleibt nützlich: Ein überstürztes Vorgehen kann mit Nachteilen verbunden sein. Daher müssen auch in Zeiten großer Sorgen Entscheidungen sorgfältig abgewogen werden.

Literatur und Links

 

HEF, 17.10.2012



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