Fachinformationen - Neurodermitis und Asthma Teil 2


Neurodermitis und Asthma, Teil 2/2

Bildquelle: Himmel/Gerstenberg

Die Stress-Hypothese

Bei Patienten mit AD finden Auffälligkeiten des vegetativen (autonomen) Nervensystems im Stammhirn. Dort liegen auf engem Raum uv.a. die Beeinflussung der Herzfunktion und der Atmung und die Stuerung des Immunsystems (Anti-inflammatorischer Reflex). Während der Juckreiz-Attacken nahm bei AD-Patienten die Aktivität des Sympathikus um 200% zu, viel stärker als es bei Gesunden mit Juckreiz beobachtet wird. Der Nervus vagus, ein wesentlicher Teil der beruhigenden, parasympatischen Funktion, hingegen zeigte bei Patienten mit AD vor allem eine deutlich verminderte Anpassungsfähigkeit auf unterschiedliche Reize. Insgesamt wurde bei den Patienten eine Dysbalance in dem fein-abgestimmten Wechselspiel zwischen Sympathikus und Parasymphatikus beobachtet.

Die Hygiene Hypothese

Für die Bekämpfung von großen Eindringlingen in den menschlichen Köroper (Parasiten, Würmer u.a.) sind Immunglobulin (Ig) E und wei0ße Blutkörperchen, die mit Zellgiften beladen sind (Eosinophile) sehr wichtig. Ist dieser Teil des Immunsystems "unterfordert", weil wir Mitteleuropäer in einem weitgehend wurmfreien Umfeld leben, könnte - so die Hygiene Hypothese - eine verstärkte Neigung zu allergischen Reaktionen resultieren. Ein ungenutztes immunologisches Potenzial sucht sich dann quasi seine eigenen Feinde, wenn die natürlichen Feinde (Parasiten) keine Rolle mehr spielen. Eine Weiterentwicklung dieses Gedanken führte zum Einsatz harmloser Würmer bei Allergikern.

Bildquelle: Irina Klein

 Ein Zusammenhang zwischen allgemeiner Sauberkeit in der frühen Kindheit und gehäuftem Auftreten von AD wurde jedoch nicht gefunden. Allerdings scheint zumindest das Vorliegen von Wurmerkrankungen das Risiko für die Entwicklung einer AD zu senken. Ein vergleichbarer Effekt von bakteriellen oder viralen Infektionen zeigte sich nicht.  

Rolle von Filaggrin

Das Protein Filaggrin spielt eine wichtige Rolle bei dem Zusammenhalt der obersten Hautschicht. Bei bis zu 50% der Patienten mit AD finden sich genetisch bedingte Veränderungen des Filaggrin-Moleküls, die mit einer Funktionseinschränkung einhergehen. Veränderte Filaggrin-Moleküle werden inzwischen als ein Hauptrisikofaktor für die Entwicklung einer AD angesehen. Dies gilt besonders für die Patienten, bei denen sich die AD bereits sehr früh, nämlich innerhalb der ersten zwei Lebensjahre manifestiert.

Bei Patienten mit AD findet sich auch eine starke statistische Korrelation zwischen bestimmten Filaggrin-Mutationen und allergischer Rhinitis oder allergischem Asthma. Liegt keine AD vor, so fehlt auch ein statistischer Zusammenhang zwischen Filaggrin-Mutation und weiteren Erkrankungen des atopischen Formenkreises. Mit anderen Worten, die Filaggrin-Mutation begünstigt (mehr oder weniger) die Entstehung einer AD, während die AD ihrerseits unabhängig von der Filaggrin-Mutation die Entstehung von allergischen Rhinitis / allergischem Asthma begünstigt. Die Sensibilisierung für Atemwegsallergene erfolgt daher wahrscheinlich (auch) indirekt über die Haut und nicht (nur) auf direktem Weg über die Bronchialschleimhaut.

Diese Hypothese wird durch die Tatsache gestützt, dass in der Bronchialschleimhaut gar kein Filaggrin existiert, also Filaggrin-Mutationen im Bereich der unteren Atemwege ohne Effekt bleiben müssten. Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Asthma und Filaggrin-Mutation besteht aber dennoch, aber wahrscheinlich über den Umweg der AD-Läsionen, die einen Kontakt mit und eine Sensibilisierung gegenüber Umweltallergenen erlauben.  Bemerkenswerter Weise wird die Produktion von Filaggrin bei vermehrter Anwesenheit aktivierter Th-2-Lymphozyten unterdrückt. Hieraus kann ein Teufelskreis entstehen. Unabhängig davon, ob eine Filagrin-Mutation besteht oder nicht, können Entzündungsprozesse, besonders unter Einfluss von Staphylokokken-Superantigen das Immunsystem der Haut in Richtung Th2 beeinflussen. Unter einer Immunitätslage bei der vor allem die Th2-Lymphozyten dominieren, werden u.a. Botenstoffe wie Interleukin-4 und Interleukin-13 freigesetzt.

Diese Botenstoffe wiederum bewirken eine verminderte Bildung von Filaggrin und anderer Proteine, die zum Zusammenhalt der obersten Hautschicht beitragen. Was wiederum Besiedelung und Infektion der Haut mit Bakterien begünstigt. Filaggrin-Mutationen sind jedoch noch keine hinreichende Erklärung für das Entstehen einer AD, da 40% der Patienten mit entsprechenden Mutationen kein AD entwickeln. Beispielsweise findet sich bei Patienten mit Ichtyosis vulgaris, einer Erkrankung mit funktionell defekten Filaggrin-Molekülen, keine Häufung von Hautentzündungen oder -infektionen, obwohl die Haut der Patienten bei diesem Krankheitsbild sehr trocken und rissig ist.

 

Bildquelle: Werner Schönherr


Therapie

Eine der wirksamsten Maßnahmen ist der Aufenthalt in einer allergenarmen Umgebung, z.B. ein Aufenthalt von mindestens vier Wochen an der See (z.B. auf einer Nordsee-Insel) oder im Hochgebirge. Im Vodergrund der routinemäßigen Behandlung steht einerseits die Verringerung der Allergen-Exposition (Auftragen von schützenden Salben, hypoallergene Bettwäsche, rückfettende Seifen etc.) sowie der Einsatz von immunsupressiven Wirkstoffen (bes. Kortison) entweder lokal angewendet oder bei besonders schwerer Manifestation als Tabletten eingenommen. Der Einsatz immunhemmender Salben/Medikamente ist jedoch besonders bei Kleinkindern im Alter unter zwei Jahren stark liminiert. Zusätzlich können bakterizide oder antibiotische Wirkstoffe angewendet werden, um Allergenbelastungen durch Keimbesiedelung der Haut zu verringern. Zunehmend kommen auch Langzeitanwendungen entzündungshemmender Substanzen zur Anwendung, im Sinne einer proaktiven Therapie, die sich nicht nur auf vorhandene Läsionen beschränkt, sondern die Haut als Ganzes positiv beeinflussen soll. Sonnenlicht kann zu einer Verbesserung der Beschwerden führen, daher ist auch eine UV-Phototherapie zu erwägen.

Fazit

Die atopische Dermatitis und allergische Rhinitis/ allergisches Asthma stehen in einem kausalen Zusammenhang, wobei die atopische Dermatitis den anderen beiden Erkrankungen vorausgeht. Mutationen des Moleküls Filaggrin dürften eine Rolle beim Krankheitsgeschehen spielen, ebenso wie eine Verschiebung der natürlichen Abwehrvorgänge der Haut in Richtung allergische Immunlage. Die Mechanismen der Krankheitsentstehung, insbesondere Phänomene wie „atopic march“ und "Etagenwechsel“, werden auch weiterhin noch nicht hinreichend verstanden.

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Quellen

 

 

MG, HEF, 17.12.2012



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