Fachinformationen - Neurodermitis und Asthma Teil 1


Neurodermitis und Asthma, Teil 1/2

Stehen die folgenden Gesundheitsstörungen in einem ursächlichen Zusammenhang?

Kleinkinder mit AD (atopische Dermatitis) sind später häufiger von Heuschnupfen und Asthma betroffen: Kinderärzte sprechen vom atopischen Formenkreis. In den Industrieländern sind bereits etwa 20% der Kinder (vorübergehend) betroffen. Bei den Patienten manifestiert sich die AD in 90% der Fälle bis zum fünften Lebensjahr. Auch ein Heuschnupfen kann in frühem Lebensalter auftreten. Zwischen einem Heuschnupfen und der Entwicklung eines allergischen Asthmas im Sinne eines „Etagenwechsels“ liegen längere Latenzzeiten, nicht selten zehn Jahre und mehr. Daher handelt es sich um ein dynamisches Krankheitsbild bei dem bestimmte Beschwerden im Laufe der Zeit verschwinden und andere Beschwerden im weiteren Verlauf hinzukommen können. Der Wechsel zwischen AD und Heuschnupfen zu Asthma wird in der angelsächsischen Literatur treffend als „atopic march“ bezeichnet.

Bildquelle: Werner Schönherr

Eine zentrale Rolle bei allergischem Geschehen spielen Immunglobulin (Ig) E und Eosinophile, Anteile des Immunsystems, die gegen große Eindringlinge gerichtet sind, wie große Parasiten oder Würmer (s. Hygiene Hypothese). Beim atopischen Formenkreis werden zuviel IgE-Antikörper gebildet, die sich nicht gegen ein tatsächliche gefährliche Bedrohunhg richten. Statt dessen wird bei allergischen Reaktionen die IgE Produktion ausgelöst durch Kontakt mit eiweißhaltigen Substanzen, die Teil unserer natürlichen Umgebung sind.

Neurodermitis und „atopic march“

Der Begriff „Neurodermitis“ stammt noch aus Zeiten, in denen man annahm, dass es sich um eine Entzündung der Hautnerven handele. Die Vorstellung ist inzwischen überholt, trotzdem ist „Neurodermitis“ als Begriff auch heute noch gebräuchlich. Im Vordergrund der Beschwerden steht eine chronisch juckende Haut von Säuglingen und Kindern. Der Juckreiz wird besonders nachts von den Kindern oft als sehr quälend empfunden. Die Folge sind oft zahllose schlaflose Nächte von Kindern und Eltern. Bei 45% der AD-Patienten setzen die Beschwerden innerhalb der ersten sechs Lebensmonate ein, bei 60% innerhalb des ersten Lebensjahres und bei 85% innerhalb der ersten fünf Lebensjahre.

Abbildung: Neurodermitis-Beschwerden bei AD-Patienten
Bildquelle: Simona Himmel

Kinder mit AD im Alter zwischen zwei und vier Jahren, bei denen spezifisches Immunglobulin E gegen gängige Umweltantigene nachweisbar ist, haben ein signifikant höheres Risiko, an weiteren Krankheiten des atopischen Formenkreises zu erkranken als Kinder bei denen eine AD ohne spezifisches IgE vorliegt. Auch besonders schwere Verlaufsformen der AD sind ein prognostisch eher ungünstiger Marker für die Entwicklung atopischer Folgeerkrankungen. Ein allergisches Asthma entwickeln etwa 70% der Patienten mit schweren AD Verläufen, aber nur 20-30% der Patienten mit leichter AD Verläufen, verglichen mit 8% Häufigkeit innerhalb der Normalbevölkerung. Lediglich bei den sehr milden Formen der AD besteht gegenüber der Normalbevölkerung kein erhöhtes Risiko. Im Rahmen einer Beobachtungsstudie zeigte sich innerhalb von sieben Jahren eine deutliche Verbesserung der AD bei 87% der Patienten, jedoch traten bei 43% allergisches Asthma und bei 45% Heuschnupfen auf. Patienten mit Heuschnupfen entwickelten in späteren Lebensjahren gehäuft Asthma (je nach Studienlage in Größenordnungen um die 18 bis 80%).

Rolle von Nahrungsmittelallergien

Innerhalb der vergangenen Dekade wurde eine Häufung von Nahrungsmittelallergien beobachtet. AD und Nahrungsmittelallergie kommen oft gemeinsam vor. Etwa 35% der Kinder mit AD leiden unter einer schweren IgE vermittelten Lebensmittelallergie. Kleinkinder, die unter Kuhmilchallergie zeigten in späteren Jahren gehäuft ein hyperreagibles Bronchialsystem und entzündliche Atemwegsveränderungen. Ob ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen AD und Nahrungsmittelallergien besteht oder ein noch unbekannter „Gemeinsamer Nenner“ existiert, ist noch unklar. Eine allgemein wirksame "Neurodermitis-Diät" kann nicht empfohlen werden. Manches auf dem freien Mark hierzu angebotene muss als unseriös eingestuft werden. Umgang mit der Erkrankung ist die individuelle Einschätzung der Verträglichkeit einzelner Nahrungsmittel und ggf. die Vermeidung bestimmter Speisen jedoch von Bedeutung. 

Bildquelle: Dr. H. Jäger

Krankheitsmechanismen

Die viele der Ursachen zur Entwicklung einer AD beitragen sind nicht bekannt. Eine Schlüsselrolle dürften jedoch die Epidermis, die oberste Hautschicht, spielen. Die Epidermis hat eine wichtige Barrierefunktion, u.a. schirmt sie den Körper vor Krankheitserregern ab. Zellen der Hautoberfläche, die Keratinozyten, ersetzen ihre Zellmembran durch eine nicht-wasserlösliche Hornschicht und tragen auf diese Weise dazu bei, die Integrität des Körpers gegenüber Außeneinflüssen zu erhalten. Der wesentliche Mechanismus der AD dürfte der Verlust der Barrierefunktion sein. Durch Unterbrechungen in der Kontinuität der Hornschicht können Keime, aber auch Allergene, Gift- und Reizstoffe in die tieferen Hautschichten gelangen. Auch verliert der Körper durch eine nicht intakte Hornschicht der Haut vermehrt Wasser („Increased transepidermal water loss“, TEWL). Bei schweren Verlaufsformen der AD ist die TEWL deutlich erhöht. Die gilt sogar für Hautareale, in denen gar keine Läsionen sichtbar sind. Durch Besiedelung mit Bakterien kann die Hautbarriere zusätzlich eingeschränkt sein. Bei 90% der AD-Patienten findet sich dauerhaft eine massive Besiedelung mit Staphylokokkus aureus. Der Erreger setzt ein Superantigen frei, welches den Entzündungsprozess durch lokale Immunstimmulation ungünstig beeinflussen kann. Hierbei kommt es zu einer vermehrten Aktivierung von Helfer-T-Lymphozyten vom Typ 2 (Th2), die vor allem eine Rolle bei allergischen Prozessen spielen. Die großflächige Aktivierung von Th2-Zellen im Bereich der Haut, immerhin das größte Organ des Menschen, könnte zu einer generellen Verschiebung der Immunlage in Richtung allergische Reaktionen führen. Werden im Laufe der Jahre Allergene über die Nasen-, Bronchial- und Darmschleimhaut aufgenommen, können sich Allergien leichter entwickeln als unter normalen Bedingungen.

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Quellen

 

 

 

 


 
 

MG, HEF, 17.12.2012



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