Fachinformationen - Big Food


Aktivitäten und Einfluss von Big Food-Unternehmen

Weltweit hungern eine Milliarde Menschen, während zwei Milliarden Menschen übergewichtig sind. Wissenschaftler machen die Riesen der Lebensmittelindustrie, den so genannten "Big Food-Unternehmen", für dieses Ungleichgewicht mitverantwortlich. In der Open-Access-Zeitschrift "PLoS Medicine" ist eine Serie zu dem Thema global agierende Lebensmittelindustrie und ihre Bedeutung für die Gesundheit der Weltbevölkerung entstanden. Mit dem Ziel eine öffentliche Debatte über dieses Thema auch in den sozialen Medien anzustoßen, fordern die Wissenschaftler Gesundheitsrisiken, die durch Nahrungsmittel und Getränke von "Big Food" bedingt sind, stärker zu prüfen und bekannt zu machen.

Bildquelle: Karoline Bloch

Die Traditionen der Ernährung sind Teil des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Gefüges und prägen die Identität einer Gemeinschaft. Althergebrachte Ernährungsgewohnheiten- obgleich ernährungsphysiologisch selten ideal- sind in der Regel mit niedrigen Raten an Adipositas und chronischen Krankheiten verbunden. Ihre globale Verdrängung durch Produkte der Big Food-Konzerne bleiben deshalb nicht folgenlos.
Der Begriff "Big Food" bezieht sich auf transnationale und andere große Unternehmen, die weltweit die Produktion und den Vertrieb von verarbeiteten Produkten beeinflussen und steuern. Viele dieser Produkte werden aus preisgünstig eingekauftem Fleisch oder tierischen Resten, preiswerten Zutaten wie raffinierter Stärke, Zucker, Fetten und Ölen sowie Konservierungsstoffen und anderen Zusatzstoffen erstellt. Die Produkte sind oft mit Geschmacksverstärkern angereichert. Sie werden so zubereitet und verpackt, dass sie eine lange Haltbarkeit haben. Zudem können sie unkompliziert überall und schnell konsumiert werden, was ihnen die Bezeichnung „Fastfood“ oder "Convenience"-Produkte einbrachte. Traditionelle Zubereitungsformen werden mehr und mehr verdrängt. Einige verarbeitete Produkte wie Brot und Wurst sind in vielen Ländern schon vor der Industrialisierung Teil der Ernährungsgewohnheiten gewesen. Andere Produkte wie z.B. Burger, Chips, Kekse, Süßigkeiten, "Nuggets", Energie-Riegel, kohlensäurehaltige und andere gezuckerte oder mit Süßstoff angereicherte Getränke werden vermehrt seit den 1980er Jahren entwickelt. Ihr Eindringen erfolgte zuerst in Länder mit hohem Einkommen und verdrängte dort die gewohnten Mahlzeiten. Ziel neuer Marketingstrategien sind jetzt verstärkt Länder mit niedrigerem Einkommen (Monteiro & Cannon 2012).

Bildquelle: Karoline Bloch

Entgegen den bisherigen Annahmen, die die Fehlernährung in den Industrieländern vom Wohlstand der Bevölkerung abhängig machten, sind Forscher aus Großbritannien, Indien und den USA der Ansicht, dass eine ganz andere Ursache dafür verantwortlich sei. Sie sehen das Problem eher in der Ausbreitung von Big Food-Unternehmen, deren Verbreitung auch in den Entwicklungsländern immer mehr zunimmt (Monteiro & Cannon 2012). Dabei zeigt sich, dass der Konsum von verarbeiteten Lebensmitteln und Erfrischungsgetränken in manchen Teilen von Entwicklungs- und Schwellenländern sogar schneller zunimmt als zuvor in den Industrieländern. Ursachen dieses Trends sind vor allem die verstärkte Präsenz internationaler Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Kraft, Pepsi oder Danone, was an den Beispielen Mexiko und Venezuela deutlich wird. Während in Mexiko seit den neunziger Jahren nach einem Freihandelsabkommen mit den USA der Konsum von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken auf Rekordwerte anstieg, blieb der Konsum der gesüßten Getränke in Venezuela, das dagegen kein Freihandelsabkommen mit den USA getroffen hat, trotz steigenden Wirtschaftswachtums weitgehend konstant. Der auf ein Jahr gerechnete pro Kopf-Konsum der Mexikaner liegt bei mehr als 300 Litern Softdrinks, gleichzeitig verzeichnet Mexiko von allen Entwicklungsländern den höchsten Anteil übergewichtiger Kinder (Stuckler & Nestle 2012).

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Für Big Food-Unternehmen ist die Verlagerung in Schwellenländer notwendig, weil der Markt an Convenience- und Fastfood in Ländern mit hohem Einkommen bereits gesättigt ist. Markforschungen ergaben, dass der Sättigungspunkt in einem Land dann erreicht ist, wenn ultra-verarbeitete Produkte rund 60% der gesamten Kalorienzufuhr ausmachen. Dies ist bereits in Großbritannien, Kanada und den USA seit zwei Jahrzehnten der Fall (Monteiro & Cannon 2012).

Die Möglichkeiten für transnationale Big Food-Unternehmen mit ihren Produkten in bevölkerungsreiche Länder wie Indien und China einzudringen, deren einkommensschwache Population bis vor kurzem hauptsächlich auf dem Land lebte, sind aussichtsreich. Besonders rapide steigt der Konsum von Erfrischungsgetränken wie Cola oder Limonade seit den neunziger Jahren in Vietnam und Indien, gefolgt von Ägypten, China, Tunesien, Kamerun und Marokko. Liberalisierungen der Wirtschaft oder Freihandelsabkommen begünstigen diese Zunahme, da sie den Lebensmittelkonzernen leichteren Zugang in regionale Märkte bieten. Die Auswirkungen von „Fastfood“ und "Convenience"-Produkten zeigen sich in der Verdrängung einheimischer Produzenten, traditioneller Ernährungsgewohnheiten und der Gefährdung sozialer Netzwerke der traditionellen Nahrungszubereitung (Monteiro & Cannon 2012). Doch die Reaktion der Regierung auf Big Food-Unternehmen und deren Einfluss auf das Gesundheitswesen, fallen immer noch spärlich aus (Stuckler & Nestle 2012).

Bildquelle: Karoline Bloch

Die Beziehungen zwischen Regierung und Unternehmen haben sich durch den Einfluss der globalen Wirtschaft, der systematischen Privatisierung und der dadurch entstehenden Regulierung der Kapitalströme verlagert (Monteiro & Cannon 2012).

Das System der Welternährung ist kein umkämpfter Markt kleiner Produzenten. Beherrscht wird der weltweite Markt von wenigen multinationalen Konzernen wie etwa Coca-Cola, Pepsi-Cola oder auch dem Schweizer Konzern Nestlé, die einer Vielzahl von Nachfragern gegenüber stehen und ihre enorme wirtschaftliche Macht selbstverständlich politisch nutzen. Als "Ernährungsunternehmen" und „Gesundheitsexperten“ treten sie zudem auf Konferenzen auf und nehmen immer mehr die Rolle des „öffentlichen Gesundheits-Beraters“ ein. Sie verfügen über genügend Ressourcen, um in der Produktentwicklung eigene Ernährungswissenschaftler und Experten zu beschäftigen und behaupten, nicht nur Lösungen für die Probleme der Nahrungsmittelproduktion sondern auch für Mangelernährung, Übergewicht und sogar Armut zu haben. Ein Sprecher von Nestlé etwa erklärte, dass die mit gesundheitsfördernden Nährstoffen (wie Eisen, Vitamine oder Mineralstoffe) angereicherten Lebensmittel bereits zu einer verbesserten Gesundheit beigetragen hätten. Ebenso hätte das Unternehmen in den vergangenen Jahren den Salz-, Zucker- und Fettgehalt in seinen Produkten minimiert.

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In den Vereinigten Staaten kontrollieren die zehn größten Lebensmittel-Unternehmen mehr als die Hälfte des Absatzes für Lebensmittel. Weltweit liegt dieser Anteil bei etwa 15% mit steigender Tendenz. Mehr als die Hälfte der globalen alkoholfreien Getränke werden von großen multinationalen Unternehmen wie z.B. Coca-Cola produziert. Drei Viertel des Umsatzes ergeben sich aus dem Verkauf von verarbeiteten Lebensmitteln, bei denen die größten Hersteller mehr als ein Drittel des globalen Marktes ausmachen (Stuckler & Nestle 2012).

Im Jahr 2008 kontrollierten die Top Ten der Unternehmen für Agrarchemie fast 90% des weltweiten Vertriebs von Pestiziden. Auch der Saatgutmarkt wird von wenigen, sehr mächtigen Konzernen gesteuert. Die zehn größten von ihnen kontrollieren 60% des Saatgutmarktes.

Im Jahr 2005 kontrollierten die vier größten Rindfleischproduzenten 83,5% des Marktes in den USA. Weltweit werden 40% aller Lebensmittel von nur 100 Einzelhändlern verkauft. Darüber hinaus hat sich der Anteil des Supermarktumsatzes der vier größten Unternehmen seit 2005 bis heute von 16% auf 36% mehr als verdoppelt (Patel 2012).

Die enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsorganisationen und der Lebensmittelindustrie nimmt stetig zu und die Auffassungen darüber sind sehr unterschiedlich. Viele politische Gremien, Stiftungen und Wissenschaftler sehen darin einen Lösungsweg für die Verbesserung der Gesundheit. Andere wiederum, darunter auch der Psychologie-Professor Dr. Kelly Brownell von der Yale University, betrachten den „gemeinsamen Kampf“ gegen Übergewicht und Adipositas mit Skepsis. Brownell ist der Meinung, öffentlich-private Partnerschaften zwischen Gesundheitsorganisationen und Lebensmittelindustrie würden nicht im Sinne des öffentlichen Wohls agieren. Deutlich wäre dies in den Debatten um Einschränkungen im Marketing zu erkennen. Hier gehe es immer wieder um die Steuererhebung auf bestimmte Produkte (z.B. gezuckerte Getränke) oder die Regelung der Nährwertkennzeichnung, deren Realisierung von der Industrie entschieden bekämpft werde. Zum anderen würden verschiedene Kampagnen und Initiativen zur „gesunden Ernährung“ seiner Meinung nach mehr zur Imageverbesserung der Unternehmen aufgezogen werden und weniger, um sinnvolle Änderungen anzustoßen (Brownell 2012).

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Ein Sprecher von Coca-Cola äußerte, dass das Unternehmen Steuern nicht für ein geeignetes Instrument halte, da es in der Vermarktung seiner Produkte nicht die Hauptursache für die Entstehung von Übergewicht sehe. Das Missverhältnis zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch liege ganz in der Eigenverantwortung des Konsumenten. Nach dem Prinzip des "eigenverantwortlichen Handelns" sind viele Kampagnen der Big Food aufgebaut. Die Kampagne "Live Positively" von Coca-Cola ähnelte sogar Kampagnen der Tabakindustrie. Mit dem Argument, dem Verbraucher die Entscheidung zu erleichtern ein gesundes, aktives Leben zu führen, brachte Coca-Cola Labels zum Kaloriengehalt an seine Produkten an.

Auch andere Soda-Unternehmen setzten auf Kampagnen nach dem Prinzip des eigenverantwortlichen Handelns. Wie z.B. den Bau und Ausbau von Parks für Jugendliche, nach dem Motto: "körperliche Aktivität zur Verminderung ernährungsbedingter Erkrankungen". Lori Dorfman und Kollegen sehen hier ein Ablenkungsmanöver, das von der Verantwortung des Unternehmens für die Vermarktung ungesunder Nahrungsmittel ablenken solle (Dorfman u.a. 2012).

Bildquelle: Irina Klein

Die Wissenschaftler Marion Nestle (New York University, USA) und David Stuckler (Cambridge University, Großbritannien) fordern, die Vermarktung stärker auf Lebensmittel zu setzen, die für eine vollwertige Ernährung notwendig sind. Allerdings seien nährstoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Kartoffeln, sowie Obst und Gemüse die kaum Fett, dafür jedoch reichlich Vitamine, Mineralstoffe sowie Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe enthalten, weniger profitabel für Unternehmen. Ihr Interesse bestünde nicht darin sich an dem Bedürfnis zu orientieren, gesundheitlich optimale Lebensmittel zu produzieren oder das Angebot an stark verarbeiteten, ungesunden Nahrungsmitteln (die so viel mehr Profit versprechen) einzudämmen.

Während die operative Marge für Obst und Gemüse bei weniger als 5 Prozent liegt, erzielt die Industrie für die Herstellung von Süßwaren, Softdrinks und Snacks eine Umsatzrendite von 15 Prozent und mehr. Entgegen dem von vielen Unternehmen formulierten Anspruch, einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung zu leisten, haben sie betriebswirtschaftlich größtes Interesse daran, möglichst viele unausgewogene Produkte zu verkaufen (Bode 2012). Die Unterstützungen der Forschung durch die Industrie ist daher vor allem auf eigene Interessen ausgerichtet. Studien, die von der Industrie finanziert werden, fallen mit einer vier- bis achtfach höheren Wahrscheinlichkeit zugunsten der Industrie aus.(Stuckler & Nestle 2012)

Der Prozentwert gibt die sog. „operative Marge“ bzw. Umsatzrendite an, die sich aus dem Gewinn geteilt durch den Umsatz errechnet. Beträge die Marge fünf Prozent bedeutet das, dass fünf Prozent der Verkaufserlöse eines Produktes als Gewinn erzielt werden.

Quelle: JPMorgan: Obesity. Re-Shaping,
The Food Industry. Global Equity Research 2006,
In Foowatch-Report 2012

 

Fazit

Nestle und Stuckler beschreiben drei Möglichkeiten mit "Big Food" umzugehen:

 Bildquelle: Werner Schönherr


Die Herausgeber von "PLoS Medicine" haben sich für die dritte Variante entschieden. Sie warnen vor einer zunehmenden Selbstregulation der Unternehmen und fordern "Public Health-Experten" auf, den Einfluss von "Big Food" auf die globale Ernährung als ernstes Problem zu erkennen und diesem Thema eine ebenso hohe Priorität einzuräumen, wie dem Kampf gegen HIV/Aids, Infektionen und andere Krankheiten.

Regierungen und einflussreiche Institutionen sowie Forschungs- und Gesundheitseinrichtungen in Industrieländern, sollten stärker dazu aufgefordert werden, die Auswirkungen und Einflüsse internationaler Finanz- und Wirtschaftsorganisationen auf die Gesundheit der Bevölkerung, auf ihre Kultur, Unabhängigkeit und Identität offen zu legen und kritisch zu hinterfragen. Zudem könnten sich Initiativen zum Beispiel gegen Werbemaßnahmen speziell für Kinder richten und stattdessen auf bessere Ernährungsrichtlinien für Schulmahlzeiten abzielen oder sich für die Steuererhebung auf zuckerhaltige Getränke einsetzten.

Bildquelle: Karoline Bloch

Quelle:

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SH, MG, 05.11.2012



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