Reiseinformationen - Needham´s Question


- Fortsetzung -

Needham dokumentierte darin den zivilisatorischen Vorsprung Chinas gegenüber Europa, der bis zum Ende des Mittelalters anhielt. In China wurde der Buchdruck erfunden, das Schwarzpulver, der Kompass und die Hängebrücke. Standardisierung von Behandlungen (u.a. mit Heilpflanzen) und Psychologie waren in China während unseres Mittelalters von einer Qualität, die in Europa erst Ende des 19. Jahrhunderts erreicht wurde. Als Marco Polo im 13. Jhh. Kublai Khan traf, der als "mongolischer Barbar" über China herrschte, konnte der Westler ihm keine Erkenntnis oder Technik präsentieren, die China überlegen gewesen wäre. Auch navigierten die Chinesen mit ihren Land- und Seekarten bis ins 15 Jhh. deutlich besser als die Europäer.

Der Großadmiral Zheng He besegelte bis 1433 mit seinen Flotten die Meere bis nach Afrika, als die Europäer sich noch Sorgen machten, am Ende einer kleinen Erdscheibe ins Unendliche zu stürzen. Hypothesen besagen, dass Gesandte Zheng He's in den italienischen Kaufmannsstädten Leonarda da Vinci mit ihrem Wissen inspiriert haben oder Kolumbus eine Vorlage für verwendbare Seekarte geliefert haben könnten, aber das ist Spekulation. 

 

Bildquelle: Werner Schönherr


Wieso konnte der Westen mit seinem immensen Entwicklungsrückstand China wissenschaftlich und technologisch überholen? Die Frage ist vor dem Hintergrund des Wachstums Chinas so aktuell wie nie.

Da sich zunehmend viele Reisende auch für übergeordnete Zusammenhänge interessieren, wenn sie nicht ohnehin bereits in geschäftlicher Mission nach China unterwegs sind, wollen wir Needhams Frage einmal NICHT aus der Perspektive der Medizin - z.B. hinsichtlich der Unterschiede im Gesundheitswesen - sondern aus einem kulturellen sowie aus einem wirtschafts- und naturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachten.
 

Die kulturelle Antwort

Needham vermutete als Ursache den Einfluss der Philosophie des Konfuzianismus nach der ersten Jahrtausendwende, die einen stark restaurierenden Einfluss auf Wissenschaft, Kultur und Staatswesen hatte. Die starre, moralisch legitimierte Hierarchisierung sicherte eine starke Struktur, behinderte aber gleichzeitig die Flexibilität, sich auf Neues einzustellen. Neugier nach technischer Innovation ging verloren, und es fehlte an Kreativität und Schulung des Denkens. Andererseits scheint aber der sich immer wieder neu erfindende Konfuzianismus es China zu ermöglichen, sich zur Weltmacht aufzuschwingen, indem es unter der hierarchischen Starrheit den chaotischen Markt agieren lässt. Wie schon mehrfach zuvor saugt China alles vorhandene Wissen anderer Kulturen, die es für nützlich hält, auf, verwirft darüber aber nicht seine Traditionen. Aus dem Integrieren indischer Philosophie entstand der chinesische Zen-Buddhismus, aus der Missionierung durch das nestorianischen Christentum entstand der religiöse Daoismus. China holt gerade seine kapitalistische Revolution nach, wird aber dadurch sicher nicht US-amerikanisch werden.

Ein neuer Lösungsansatz

Eine unkonventionelle Sicht auf die Zusammenhänge stammt von Yong Tao vom Economy, Industry and Business Management Institute der Chonqing Universität in der Volksrepublik China. Er setzt voraus, dass sich Kultur und Markwirtschaft eines Landes sehr stark gegenseitig beeinflussen, und untersuchte Markwirtschaft mit Methoden, die der Theoretischen Physik entlehnt sind. Methoden, die eigentlich zur Beschreibung von Aggregatzuständen verwendet werden. Damit wird errechnet, wie ein Gas einen bestimmten mathematisch beschreibbaren Makrozustand einnimmt, der sich aus den Mikrozuständen seiner einzelnen Moleküle ergibt.

Yong Tao kommt zu dem Schluss, dass auch Marktwirtschaften sich gemäß der Regeln der Statistik verhalten, die für Molekülbewegungen eines idealen Gases gelten, wenn man nur ihre Entwicklung lange genug beobachtet.

Obwohl einzelne konkurrierende Firmen einer Marktwirtschaft genauso wie einzelne Gasmoleküle ein sehr komplexes bzw. chaotisches Verhalten zeigen, lassen sich im Großen betrachtet Regelmäßigkeiten finden.

Yong Tao unterscheidet zwischen Märkten mit perfekter Konkurrenz und Märkten, die sich in Richtung Monopol bewegen.

Märkte mit perfekter Konkurrenz („perfectly competitive market“)

Firmen konkurrieren in einer Marktwirtschaft um Kunden und Investitionen. Im Laufe des Konkurrenzprozesses werden sich die Firmen, sofern kein Monopol entsteht, untereinander immer ähnlicher. Im idealisierten Modell ist irgendwann ein Punkt erreicht, an dem sich die Firmen und deren Produkte praktisch gar nicht mehr voneinander unterscheiden lassen. Damit verschwindet auch das Besondere der Markennamen, weil kein Produkt dem anderen mehr etwas voraushat, noch nicht einmal mehr ein besonderes Image. Die Gesamtheit aller Firmen gehorcht dann der Bose-Einstein-Statistik, die bei der Beschreibung von idealen Gasen auf die Ununterscheidbarkeit der einzelnen Moleküle setzt.

In der Politik ist das Phänomen bekannt, dass Parteien immer mehr um das große Potential der Mitte ringen, bis sie dort im Einheitsbrei der Meinung nicht mehr unterscheidbar werden. Ein Phänomen, das als  Eisverkäufer am Strand-Gesetz schön beschrieben wurde. Blieben die Parteien dabei konkurrenzlos, würde das System erstarren. Dagegen entsteht Neuerung, wenn bunte und anfangs chaotische "politische Gewächse" außerhalb oder innerhalb etablierter Parteien auftauchen.

 

 Bildquelle: Werner Schönherr


Monopolistisch-konkurrierende Märkte („purely monopolistic-competitive market“)

In Märkten, die sich in Richtung Monopol entwickeln, besteht eine komplette Unterscheidbarkeit zwischen den Firmen und deren Produkten. Auch zahlreiche Markenartikel sind verfügbar. Ähnliches gilt auch beim Profisport, zum Beispiel Fußball. Es kann in einer Saison nur einen Deutschen Meister geben, man kann entweder selber versuchen es zu werden, oder zumindest dem Favoriten das Leben so schwer wie möglich machen, um sich dabei als Verein oder einzelner Spieler zu profilieren. Es entsteht eine Dynamik beim Kampf ums Aufsteigen oder gegen den Abstieg.

Die Gesamtheit aller Firmen gehorcht in diesem Fall modellhaft der Bolzmann-Statistik, die bei der Beschreibung idealer Gase von einer Unterscheidbarkeit der einzelnen Moleküle ausgeht.

Stabilität von Märkten mit perfekter Konkurrenz

Kritisch wird es in Märkten mit perfekter Konkurrenz dann, wenn bereits eine Vollbeschäftigung vorliegt und die Zahl der einzelnen Branchen abnimmt.

Die Verringerung der Branchen ist wiederum eine natürliche Folge der perfekten Konkurrenz. Der Systemkollaps ist daher bei der perfekten Konkurrenz vorprogrammiert. Die statistische, physikalische Entsprechung zu diesem wirtschaftlichen Phänomen ist das Bose-Einstein-Kondensat. Physikalisch ist dies ein Zustand der Materie in der sich die einzelnen Atome so wenig voneinander unterscheiden lassen, dass sich Materie plötzlich verhält wie ein einziges großes Atom. Ein Zustand der im Mikromaßstab im Labor sehr nahe am Absoluten Nullpunkt (-273,15 °C) bereits erreicht wurde, jedoch instabil ist.

Interessanterweise kann die Statistik, die die Entstehung eines Bose-Einstein-Kondensats beschreibt, auch auf Situationen in sozialen Netzwerken angewendet werden. Bose-Einstein condensation (network theory)

Warnzeichen der Krise

Investoren brauchen Kriterien dafür, in welche Branchen und Firmen sie ihr Geld investieren sollen. Je ähnlicher sich die unterschiedliche Branchen und Firmen werden, umso schwieriger wird die Entscheidung. Die Investoren werden also zunehmend unschlüssig, der Geldfluss gerät ins Stocken. Es gilt das allgemeine Prinzip: Nichts ist langweiliger als perfekte Symmetrie. Eine monotone Schneefläche ermüdet und führt in die Irre. Man braucht einen markanten Punkt, um sich orientieren zu können. Die Natur „hasst“ Symmetrie. Entsteht Symmetrie oder Uniformität, ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis spontane Symmetriebrüche auftreten. Perfekte Konkurrenz führt zu Ununterscheidbarkeit von Firmen und Branchen und stellt damit keinen Anreiz mehr für Investoren dar, ihr Geld in eine bestimmte Richtung fließen zu lassen. Der Investor verliert gewissermaßen die Orientierung auf dem Schneefeld, „läuft im Kreis“ oder tut gar nichts mehr. Für die menschliche Psyche ist völlige Gleichförmigkeit der Umwelt nur schwer zu ertragen. Der einzige Ausweg aus dieser Gleichförmigkeit ist der Symmetriebruch, also z.B. der Kollaps eines Marktes.

Yong Taos Antwort auf Needham

Je größer die Freiheit der Menschen/Firmen/Branchen ist, sich voneinander zu differenzieren, desto größter ist das Potenzial für technologischen Fortschritt. Das chinesische Kaiserreich und sein Beamtenapparat boten der Bevölkerung mit einigen Ausnahmen nur wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Eine dieser Ausnahmen stellte die Tang Dynastie (618-907 n. Chr.) dar, während der China zeitweise eine kulturelle und wissenschaftliche Blüte erlebte, weil sich kritisches, normenverletzendes  Denken im Zen-Buddhismus und im philosophischen Daoismus entwicklen konnte. Das änderte sich abrupt mit der Etablierung des Neo-Konfuzianismus als Folge des Zusammenbruchs der bis dahin blühenden Kultur, unter dem Druck der mächtigen Mongolenarmeen aus dem Norden. Mit der Sorge um eine feste Struktur begann die Starrheit.

Mit Beginn der Renaissance im 14. Jahrhundert genoss die Bevölkerung in Europa ein - im Vergleich zu China - größeres Maß an Freiheit, sich in Handwerk, Handel, Wirtschaft und Wissenschaft zu entfalten. Die moralischen Instanzen, die dies mit Inquisition zu verhindern suchten, wurden schließlich durch die Reformation gebrochen (Max Weber). Gerade aufgrund struktureller Schwächen des staatlichen und ideologischen Überbaus konnten sich die westlichen europäischen Gesellschaften einen Vorsprung gegenüber China erarbeiten, der seinen (vorläufigen) Höhepunkt in der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts fand.

Fazit

Systeme mit starkem Regulierungszwang sind durchaus in der Lage vorübergehend Spitzenleistungen hervorzubrigen, langfristig führen sie jedoch meist in die Stagnation, wenn nicht sogar in den Kollaps. Die Geschichte der Sowjetunion ist dafür ein gutes Beispiel. China, das sich als Reich der Mitte versteht, versucht wie so oft einen Mittelweg zu gehen, man könnte auch Gratwanderung dazu sagen: maximale Industrialisierung ohne Rücksicht auf langfristige Schäden, die sich z.B. bei der Umwelt ergeben, durch frühkapitalistisches Wachstumschaos. Gleichzeitig wird eine starre, kaiserlich-maoistisch-moralische Hierarchie erhalten, die das Innere schützt und dem Äußeren seinen mächtigen Willen aufzwingt. Chinas Drache wacht auf, soviel ist sicher. Ob er sich an die Spitze der Weltmächte erheben kann oder wieder zusammenbricht, wird davon abhängen, wie ausgewogen sich das Verhältnis von starker Stabilität und entspannter Flexibilität entfalten kann. Hong Kong dient China dafür wahrscheinlich als nützliches Experimentierfeld.


Quelle

MG, HEF, 13.09.2013



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