Fachinformationen - Millenium Development Goals


Mehr Geld oder mehr Entwicklung?

Die Weltgemeinschaft hatte vor zehn Jahren ehrgeizige, weltweite Entwicklungziele verabschiedet, die Millenium Development Goals ("MDGs",UN, WHOWiki). Bis 2015 sollten folgende Ziele erreicht werden:

Die Erreichung dieser Ziele wurde jetzt evaluiert (Kenny, 2011). Die Gutachter kommen zu einem ernüchternden Ergebnis.

Positiv sei, dass die Diskussion um die Vereinbarung der MDGs Problembewusstsein geschaffen und einen international verbindlichen Rahmen für soziale Strategien gesetzt habe. Die Autoren schlagen für die nächste Runde Entwicklungszielvereinbarungen vor und die Definition von Indikatoren, die eine klare Evaluierung der Ergebnisse ermöglichen würden. Die Ziele sollten realistisch und ergebnisbezogen sein.

Klare Nutznießer der Formulierung von Millenium Development Goals und des anschließenden Flusses der Finanzmittel seien Institutionen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Diese liegen jedoch in wohlhabenden Ländern, deren Ökonomien keine Hilfe der Weltgemeinschaft benötigen.

Seit Virchow ist bekannt, dass die sozialen Lebensumstände Gesundheit, Krankheitsbelastung und Sterblichkeit stärker beeinflussen als alle anderen Faktoren. Insbesondere eine starke gesellschaftliche Kluft zwischen einer abgehobenen Oberschicht und einer im Lebensniveau weit entfernten Unterschicht führt zu Stress und damit zu Krankheitsbelastung (Evans 1994). Diese Erkenntnis ist mittlerweile in vielen Gesellschaften bestätigt worden.

Zahlreiche Untersuchungen legen nahe, wie eine wirksame Verbesserung von Gesundheit erreicht werden könnte (Sapolsky 2005, Wilkinson 2006, Johnson 2011):

Dafür notwendige, sozial orientierte Strategien erforderten allerdings eine Veränderung des Wertegefüges einer Gesellschaft und scheinen häufig für die Politik nicht "sexy" zu sein.

Es liegt daher nahe, gesellschaftliche Probleme (Armut, Suchtverhalten, Müttersterblichkeit z.B.) als Krankheiten zu betrachten, die sich (wie Infektionen) wirksam bekämpfen oder gar beseitigen lassen ("poverty eradication"). Bei dieser Sichtweise auf gesellschaftliche Probleme geht es vorrangig darum, ein "geeignetes Medikament" zu finden, d.h. zu entscheiden, welches Programm wirksam zu sein scheint und finanziert werden soll. Für die Anwendung medizinischen Denkens, Planens und Handelns auf gesellschaftliche Phänomene wurde in der 70iger Jahren von Irving Zola und Ivan Illich der Begriff "Medikalisierung" (Medicalisation) geprägt: die Symptombehandlung sozialer Phänomene, die (wenn sie erfolgreich wäre) eine Veränderung sozialen Verhaltens oder Zusammenlebens nicht mehr so dringend erscheinen ließe. Der Trend zur "Medikalisierung" scheint in nationalen und internationalen Programmen zunehmend an Bedeutung zu gewinnen, aber die Daten für die nachhaltige Wirksamkeit sind dünn (Elbe 2010).

Der Diskussionsprozess um die Neuformulierung der 2. Millenium Development Goals hat begonnen. Es wäre einfach, alles beim Alten zu belassen. Wirksamer könnte es sein, die MDGs grundsätzlich neu zu diskutieren.

Literatur

 

 

SH, HEF, M, 03.08.2012



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