Reiseinformationen - Pflanzen: Linderung von Beschwerden


Heilpflanzen und Reisen

Pflanzliche Heilmittel werden bei Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen angewandt. Eigentlich bedürfte es in diesen Fällen keiner Therapie, sondern eher einer Änderung des Lebensstiles. Wenn jedoch Heilmittel unterstützend eingenommen werden, ist die nebenwirkungsärmste und billigste Form (z.B. im Falle einer „Erkältung“ ein Hustensaft auf Eukalyptusbasis) oft der scheinbar „modernen“ und teuren Behandlung (beim Beispiel der „Erkältung“ mit Multivitamin, Aspirin oder Antibiotika) vorzuziehen.

Wir nehmen kulturell vertraute Behandlungsmethoden vom Nachbarn oder dem Drogisten gerne an, wenn das Risiko der Nebenwirkungen gering zu sein scheint. Moderne Medizin erfordert dagegen einen Arztbesuch, da dort verordnete hochwirksame Substanzen bei falscher Anwendung auch nebenwirkungsreich sein können.

Können auch mit der Anwendung von Heilpflanzen Risiken verbunden sein?

Auch Heilpflanzen können unerwünscht Nebenwirkungen auslösen. Das ist nicht verwunderlich, da sich historisch ihre Anwendung aus der bitteren Erfahrung unserer Vorfahren mit Giftpflanzen entwickelt hat. Zum Beispiel muss die Anwendung von Rauwolfia, Stechapfel, Wolfsmilchkraut, Immergrün sehr genau dosiert werden, da die stark wirksamen Stoffe sehr schnell gefährlich sein können. Diese und ähnliche Pflanzen sind deshalb nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Der Wirkstoffgehalt der Pflanzen ist besonders hoch, wenn sie, z.B. wegen der hohen Sonneneinstrahlung in den Tropen, über eine starke Konzentration wirksamer Inhaltsstoffe verfügen. Der Übergang zu Giftpflanzen ist fließend (Beispiel: Rhizinus). Die leichte Verfügbarkeit von Heilpflanzen in der „Hausmedizin“ birgt daher auch erhebliche gesundheitliche Gefahren. Das gleiche gilt für Pflanzen wie Flügelcassie (Cassia alata), Cassia occidentalis, Aloe, Tamarinde, Sennesblätter, die den Darm stark reizen und als Abführmittel noch schneller zur Gewöhnung führen als chemische Substanzen wie Laxoberal, Dulcolax®.

Industrielle und auch "natürliche" Heilmittel, insbesondere solche, die in Südostasien hergestellt oder von dort importiert werden, können aus verschiedenen Gründen gefährlich sein:

In Heilpflanzen und Tees können Schwermetallverbindungen enthalten sein, die ggf. zu chronischen Erkrankungen führen, z.B. wenn die Kräuterpräparate in Bleikesseln hergestellt wurden. Die Umwelt Indiens ist zudem in vielen Regionen stark mit Quecksilber, Blei oder Arsen belastet, so dass diese Giftstoffe auch von Heilkräutern aufgenommen werden. Bei Routineuntersuchungen in Europa überschreiten die Schwermetallbelastungen importierter Pflanzenpräparate aus Südostasien die zulässige Höchstgrenze oft um das Tausendfache.
Der Heilkräuteranbau findet meist in ländlichen Gegenden auf kleinen Bauernhöfen statt. Bis die Heilkräuter vom Feld in den Handel gelangen, durchqueren sie zahlreiche Zwischenstationen, die eine einheitliche Qualitätskontrolle erschweren. Um einen möglichst großen Gewinn mit diesem Anbau zu erwirtschaften, verwenden die Bauern oft die billigsten und zugleich giftigsten Pflanzenschutzmittel, die sie auf dem Markt finden.

Bedeutung von Heilpflanzen und traditioneller Medizin
In vielen Entwicklungsländern haben große Teile der ländlichen aber auch städtischen Bevölkerung keinen Zugang zu modernen oder verlässlichen Formen der Gesundheitsversorgung. Behandlungen werden oft durch Familienangehörige, wenig kenntnisreiche Nachbarn oder fraglich ausgebildete, autodidaktisch handelnde „Heilkundige“ ausgeführt. Heilpflanzen wachsen fast überall, sie sind in der Regel billig und damit in Reichweite der Kranken, die ohne Interaktion mit modernen oder traditionellen Heilern auskommen müssen. Die Alternative zur Selbstbehandlung mit Heilpflanzen ist oft das schlecht gelagerte Angebot des dörflichen Gemischtwarenhändlers an modernen Pharmaprodukten. Für die Gesundung des Patienten ist dann meist nicht die Wirkung, sondern der Schweregrad der Nebenwirkungen entscheidend: z.B. ist ein Lemongrastee als Malariabehandlung ebenso unwirksam wie ein Antibiotikum, das im Kramladen erworben wird, aber sicher weniger giftig. Gerade die Behandlung der Malaria zeigt aber auch wie traditionelle und moderne Medizin sinnvoll aufeinander aufbauen können: Chinarinde und chinesischer Beifuss wurden über Jahrhunderte wirksam bei „Wechselfieber“ angewandt, und ihre Inhaltsstoffe Chinin und Artemisinin werden heute weltweit sehr erfolgreich synthetisiert und eingesetzt.

Pharmakologische Zusammensetzung von Heilpflanzen
Die meisten Verfahren nutzen Heilpflanzen in unterschiedlichsten Zubereitungsformen und Zusammensetzungen. Die Herstellung exakt dosierter Heilpflanzenpräparate setzt fundierte pharmakologische Kenntnisse und technische Möglichkeiten voraus. Je nach Lage, Boden, Sonneneinstrahlung, Regen, Pflege, Dünger u.ä. enthält eine Pflanze Inhaltsstoffe (ev. auch Pestizide) in unterschiedlicher Konzentration. Ferner ist die Art der Inhaltsstoffe abhängig vom benutzten Pflanzenteil (Wurzel, Stamm, Blatt) und seiner Aufbereitung. Für kleine pharmazeutische Betriebe in Entwicklungsländern ist die Produktion von standardisierten und reinen Pflanzenpräparaten oft wesentlich komplizierter als das Zusammenrühren oder -pressen von importierten, chemisch genau definierten Generica-Pulvern zu Salben oder Tabletten.

Heilpflanzen und Psyche
Die Erklärung der Heilpflanzenwirkung durch die aktive Substanz greift zu kurz, nicht anders als bei den Genusspflanzen Wein oder Kaffee. Geschmacklose, wässrige Lösungen von Alkohol oder Koffein kommen für den Konsum nicht in Frage. Die Wirkung der spezifischen Inhaltsstoffe entfaltet sich erst durch die unspezifischen Begleitstoffe (das besondere Aroma) und durch psychologische Momente (z.B. der morgendliche Anblick frischer Brötchen oder die abendliche Geselligkeit mit Freunden).
Die Verwendung von Heilpflanzen und traditionelle Behandlungsformen stehen der Psychotherapie, der Psychologie oder der Theologie oft näher als der modernen Medizin. Traditionelle Heiler sind (wie auch manche Mediziner heute) häufig Seelsorger und die Benutzung der pflanzlichen Produkte, die sie verwenden, hat dabei eine untergeordnete Bedeutung. Mystisch und philosophisch begründete Handlungen sind oft mit der Wirkung der Inhaltsstoffe eng verwoben. Heilpflanzen mit wirksamen Inhaltsstoffen wie Digitalis oder Chinarinde haben in der traditionellen Medizin oft einen ganz anderen philosophischen Bezug (z.B.: „Heiß-Kalt“ oder „Yin-Yang“).

Anwendungen von Heilpflanzen bei Gesundheitsstörungen
Bei leichten Gesundheitsstörungen ist es nicht notwendig, die Krankheitssymptome zu unterdrücken. Die natürliche Abwehr des Körpers sollte in der Regel zugelassen werden, um den Heilungsprozess zu ermöglichen. So dienen z.B. Fieber, Durchfall, Erbrechen und Abhusten der notwendigen Ausscheidung von Toxinen (giftigen Stoffen), und sollten nicht vollständig durch Medikamente unterdrückt werden. Gesundheitsstörungen sind auch oft ein erstes Signal für ein körperliches oder seelisches Problem. Überbelastung, psychische Konflikte, Schlafmangel, falsche Ernährung verändern die Reaktionsweise des autonomen Nervensystems, und wirken damit auch negativ auf den Rhythmus des Immunsystems. Für jede Krankheit ist es daher am wichtigsten Ruhe zu finden und in Geborgenheit liebevoll versorgt zu werden. Oft reicht Bettruhe, schonende Ernährung, Schlaf, Massage etc. aus, um leichte Gesundheitsstörungen abklingen zu lassen. Die Verwendung von Heilpflanzen kann bei natürlichen Heilungsprozessen hilfreich und unterstützend sein, wenn die Grenzen der Wirksamkeit und sinnvollen Anwendung geklärt wurden. Tritt nach einer Selbstbehandlung keine Besserung ein, bzw. verschlechtert sich der Zustand, ist unbedingt ein Arzt aufzusuchen.

Sinnvolle Heilpflanzenanwendung bei Reisenden

 Weitere Artikel

 

RMZ, 17.10.2012



Drucken

Zur Website www.gesundes-reisen.de