Fachinformationen - Pflanzen: Anwendung bei Krankheit


Heilpflanzen und pflanzliche Medikamente

Grundlagen
Heilpflanzen, die auch als Arzneipflanzen bezeichnet werden, enthalten Wirkstoffe zur Behandlung oder zur Linderung von Symptomen. Mitunter werden pflanzliche Zubereitungen traditionell zur Behandlung von Leiden eingesetzt, ohne dass ein spezieller aktiver Inhaltsstoff bekannt wäre. Oft enthalten Pflanzen jedoch hochpotente Wirkstoffe. Der Übergang zwischen Heil- und Giftpflanzen ist fließend. Hier gilt der klassische Ausspruch Paracelsus´: “All Ding´ sind Gift und nichts ohn´ Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“. Die Phytopharmakognosie, die Kunde von den Heilpflanzen, unterscheidet die eigentliche Pflanze von der „Droge“ im Sinne einer Zubereitung aus getrockneten oder rohen Pflanzenteilen. Des Weiteren unterscheidet man das Phytopharmakon (Arzneimittel, das aus der Pflanze gewonnen wurde) von einem phytogenen Arzneistoff (pharmakologisch wirksame Substanz in der Pflanze).
 
Geschichte
Die Anwendung von pharmakologisch aktiven Pflanzen ist älter als die ersten schriftlichen Dokumente. Bereits der Mann vom Hauslabjoch („Ötzi“) hatte vor etwa 5300 Jahren Birkenporlinge mitgeführt, vermutlich zu Heilzwecken. Curare und Rhizinus sind zu Heilzwecken oder als Gifte seit tausenden von Jahren in Gebrauch. Auch in den alten Kulturen Ägyptens, Babyloniens, Indiens, Chinas wurden Heilpflanzen angewendet. In dem Papyrus Ebers, einem der ältesten Schriftstücke zu medizinischen Themen aus dem 16. Jahrhundert vor Christus, finden sich Hinweise auf Heilkräuter. Systematische Darstellungen der orientalischen Heilkunst wurden beispielsweise 1000 n. Chr. von Ibn Sina verfasst. In Europa fand die Anwendung von Kräutern vor allem innerhalb der Klöster statt. Viele Erkenntnisse aus dem Altertum gingen verloren. Bis in das 1800 Jahrhundert standen von Seiten der etablierten Schulmedizin interventionistische Maßnahmen (Aderlass, Schröpfen, Darmreinigung) zur Verfügung, die mehr schadeten als nutzten. Erst im Jahr 1754 wurde im breiteren Rahmen die Heilwirkung von Pflanzen (neu) entdeckt. Der britische Schiffsarzt James Lind führte mit großem Erfolg Zitronensaft zur Behandlung und Vorbeugung von Skorbut ein. Eine breitere Darstellung der allgemeinen Kräuterheilkunde fand sich in Deutschland erst durch den Arzt Leonhart Fuchs im 16. Jahrhundert. Grundlage für die moderne Phytotherapie wurden durch die Pfarrer Künzle und Kneipp gelegt.

Heutige Situation
Die heutige Bedeutung und Anwendung von Heilpflanzen finden sich vor allem in drei Bereichen.
Zum einen sind pharmakologisch aktive Bestandteile von Pflanzen für die pharmazeutische Industrie von Bedeutung. Beispiele für hocheffektive pflanzliche Wirkstoffe sind:
Seit Jahrtausenden werden Pflanzen wie Chinesischer Beifuß und die Chinarinde traditionell gegen Fieberzustände eingesetzt. Die moderne Medizin entdeckte und isolierte die hochaktiven Wirkstoffe Chinin und Artemisinin zur Behandlung der Malaria. Die Suche nach neuen Phytowirkstoffen erstreckt sich bis hinein in die Regenwälder Südamerikas, Asiens und Afrikas, wo noch zahllose unklassifizierte Pflanzen existieren.

Einen weiterer Anwendungssektor ist die auch bei Europäern beliebte indische Heilkunde „Ayurveda“ und die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Die heute angewendete Form der TCM hat ihre Wurzeln in einer Verbindung sehr unterschiedlicher Heilsysteme (Konfuzianismus und dem Daoismus), die um etwa 200 n. Chr. stattfand. Daher enthält die TCM neben rationalen Gesundheitsmaßnahmen und der Anwendung von Pflanzenextrakten auch Elemente von Schamanismus. Eine ähnliche Vermengung von Pflanzenheilkunde, Schamanismus und Religion findet sich im Ayurveda.
Auch die klassische europäische Kräuterlehre hat noch einen festen Stellenwert neben anderen komplementären Heilmethoden (Vickers 1999). Dies beinhaltet beispielsweise die Anwendung von Kamille (Matricaria recutita), Pfefferminz (Mentha piperita) und Schafgarbe (Achillea millefolium) bei Magen-Darm-Beschwerden, die äußerliche Anwendung von Arnika (Arnica montana) bei Prellungen, Johanniskraut (Hypericum perforatum) bei nervöser Unruhe, Kürbiskerne (Curcubita semen) bei Prostatabeschwerden. Auch hier sind jedoch immer wieder Fälle von übertriebener Kommerzialisierung zu finden. Teure Ginseng- oder Knoblauch-Präparate oder andere „Naturprodukte“ sind dann als schädlich anzusehen, wenn sie aus den falschen Gründen , z.B. wegen eines vermeintlichen „Anti-Aging-Effekts“ eingenommen werden, der fehlende Nutzen selbst bei nur seltenen oder geringen Nebenwirkungen zur einer negativen Nutzen/Risiko Bilanz führt. 

Gefahren der Phytomedizin
Die Anwendung von Kräutern wird oft verbunden mit den Attributen „natürlich“, „mild“, „frei von Nebenwirkungen“ etc. (Ernst 2007). Dies ist selbst bei gut definierten und nebenwirkungsarmen phytomedizinischen Wirkstoffen wie Johanniskrautextrakten nicht der Fall. Durch die Anwendung von Johanniskraut können sich über eine Aktivierung des Cytochrom P450 Wirkungsabschwächungen bei zahlreichen Medikamenten, zum Beispiel Proteasehemmern in der HIV-Therapie, Clarithromycin und Immunsuppressiva, ergeben (Zhou 2008). Vor allem bei der Anwendung von Heilpflanzen im Rahmen von außereuropäischen Heilsystemen sind Patienten neben (unbekannten) Arzneimittelinteraktionen häufig mit Qualitätsproblemen konfrontiert. Vor allem im Zusammenhang mit chinesischen Exporten gab es in den vergangenen Jahren wiederholt Lebensmittelskandale. Bei Patientinnen, die chinesische Kräuterpräparate mit Beimischungen der Pflanze Aristolochia fangchi verwendeten, kam es zu schweren Nephropathien (Myhre 2000). Auch heute noch werden schwere Nierenschädigungen durch Produkte, die Aristolochiasäure enthalten, rund um die Welt beobachtet (Debelle 2008). Neben mit krimineller Energie betriebener Beifügung von Schadstoffen in Lebensmitteln (Bsp. Melamin-Kontamination von Kindernahrung) besteht auch ein Risiko durch die Kontamination von Nahrungsmitteln und Heilpflanzen durch die allgegenwärtige Umweltverschmutzung. Die Verschmutzung der Umwelt in China nahm durch das aktuelle Industriewachstum rasant zu. Bei den Top Ten der am stärksten belasteten Regionen (Blacksmith-Institut) dieser Erde hat China seinen festen Platz. Laut einer Einschätzung der Weltbank soll die Zahl der vorzeitigen Todesfälle aufgrund von Umweltverschmutzung pro Jahr 460.000 betragen (www.welt.de/wissenschaft/article1000319/Massensterben_durch_Umweltverschmutzung.html). In der Juni Ausgabe 2005 von "Nature" wurde eindringlich beschrieben, wie daraus globale Probleme entstehen (Liu). Die Traditionelle Chinesische Pflanzenmedizin ist ein Exportschlager. Die verkauften Produkte sind häufig jedoch von mangelhafter Qualität (Keane 1999). Auch eine überzeugende Wirksamkeit der TCM ließ sich innerhalb von Meta-Analysen bisher kaum nachweisen, meist aufgrund methodischer Mängel der zugrunde liegenden Studien (Wu 2008). Durch die steigende Nachfrage nach tierischen TCM-Produkten und die daraus folgenden Aktivitäten von Wilderern, sind zahlreiche Tierarten vom Aussterben bedroht (Worldwatch 2005). Risiken bei TCM können u.a. durch Verunreinigungen mit Pestiziden, Schwermetallen, Kortikosteroiden bedingt sein (Gould 2001). Auch in Produkten der indischen Ayurveda-Heilkunde fanden sich zum Teil dramatische Verunreinigungen. Ayurveda gilt als eine der ältesten medizinischen Methoden. Etwa 80% der indischen Bevölkerung, vor allem die arme Landbevölkerung, nutzt ayurvedische Medikamente. Daraus hat sich inzwischen eine Industrie entwickelt, die eine weltweite Distribution dieser Produkte betreibt. Während Herstellung und Vertrieb nach industriellen Maßstäben erfolgen, existiert häufig kein Qualitätsmanagement nach westlichem Standard. Fehlenden Qualitätsstandards und fehlende Wirksamkeitsnachweisen werden oft mit dem Argument der individuellen Wirkprinzipien begegnet (Gogtay 2002).
 
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Fazit
Ausgehend von einer Weltanschauung ist es ein weiter Weg hin zu einer Methodologie mit überprüfbaren, reproduzierbaren Ergebnissen, die zusätzlich auch einem hohen Qualitätsstandard entspricht. Unter diesem Aspekt sollte besonders bei stark vermarkteten exotischen Heilsystemen höchster Wert auf nachvollziehbare Qualität gelegt werden.

 
Literatur

 Weitere Artikel

RMZ, 06.03.2012



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