Reiseinformationen - Medikamente: Generika


Generika: Medikamente für Entwicklungsländer

Ein Medikament ohne Markennamen (ein so genanntes Generikum) wird meist wesentlich preiswerter verkauft, als ein Medikament mit gleichem Inhaltsstoff und Markennamen. Selbst in Deutschland, nach wie vor einem der reichsten Länder der Erde, kann dieser Unterschied zu einer spürbaren Belastung oder Entlastung des Portemonnaies führen, in armen Ländern kann diese Preisdifferenz jedoch buchstäblich den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Die Nutzungsrechte an einem, in der freien Marktwirtschaft entwickelten Medikament, liegen naturgemäß beim Hersteller, der für die Entwicklungsprozesse, aber auch für die Vermarktung der Wirkstoffe oft Milliarden von Euro investiert hat. Kritiker weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Kosten für Marketing- und Vertriebsmaßnahmen oft in erheblichem Maße in die Forschungsbudgets einfließen und der tatsächliche Forschungsaufwand deutlich niedriger liegt als die Zahlen vermuten lassen. Auch Entwicklungskosten für „Me-too-Präparate“, die lediglich altbekannte Wirkstoffe mit minimalen Änderungen enthalten, können das Bild verfälschen. Da nur etwa eine von 5.000 untersuchten Substanzen eine behördliche Zulassung als Arzneimittel erhält und die meisten Produkte in der Entwicklungspipeline “Fehlinvestitionen” darstellen, besteht von Seiten der Hersteller in jedem Fall die Tendenz einer  “sehr konsequenten” Vermarktung neuer Arzneimittel. Es soll zunächst die investierte Summe wieder hereingebracht und anschließend ein hoher Gewinn erzielt werden.

Situation in Entwicklungsländern
Die Hersteller von Generika verlieren kein Geld durch Forschung und Entwicklung und können daher Medikamente zu einem sehr viel niedrigeren Preis anbieten. Wegen des großen Investitionsbedarfs der Branche wachen die forschenden Arzneimittelhersteller mit Argusaugen darüber, dass vor Ablauf des Patentschutzes kein Dritter Profit aus dem neuen Medikament schlägt. Die Sinnhaftigkeit dieser Regelung innerhalb der Industriestaaten ist auch für den Nichtjuristen durchaus nachvollziehbar. Wenn es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, Medikamente zu entwickeln, würde die private Entwicklung neuer Wirkstoffe zum Erliegen kommen. Bei strikter Anwendung des Patentschutzes in Entwicklungsländern, ergeben sich hingegen gravierende und ethisch bedenkliche Folgen. Auch bei denjenigen Arzneimitteln, die beispielsweise für den afrikanischen Markt bestimmt sind, agieren Unternehmen mit konkurrierenden wirtschaftlichen Interessen. Vor allem Indien nimmt einen Spitzenplatz unter den Generika-produzierenden Ländern ein. Von dem Angebot dieser preiswerten Medikamente profitieren vor allem die ärmeren Bevölkerungsteile Asiens und Afrikas.
Die Preisunterschiede sind exorbitant. Die Behandlung einer HIV-Infektion mit Markenmedikamenten kostet etwa 10.000 US Dollar pro Jahr, die Behandlung mit indischen Generika ungefähr 200 US Dollar jährlich. Das so genannte TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation legte fest, dass auch  diese Medikamente einen Patentschutz von 20 Jahren genießen. Eine Produktion von Nachahmerpräparaten ist nur gegen teure Lizenzgebühren möglich. Da Staaten wie Indien selber in vielerlei Hinsicht von verbindlichen Patentschutzrichtlinien profitieren, gab es aus wirtschaftlicher Perspektive kein Interesse daran, das TRIPS-Abkommen zu unterlaufen.

Hilfsansätze
Die Aids-Hilfsorganisation der UNO konnte jedoch für die Herstellung besonders wichtiger Medikamente niedrigere Lizenzgebühren aushandeln. Auch die Gewährung von Zwangslizenzen, die eine kostengünstige Produktion in bestimmten Standorten erlauben, ist beschlossen worden. Internationale Organisationen können daher ein wichtiges Korrektiv für rein wirtschaftlich getragene Entscheidungen darstellen. Auch hier liegt jedoch der Teufel im Detail: Beim Aushandeln von Lizenzbedingungen gilt, dass wiederum jedes Unternehmen auch das ökonomisch Beste aus einer gegebenen Situation herausholen möchte. Das geschieht meist zu einem Zeitpunkt, wenn das Thema nicht mehr im Fokus des öffentlichen Interesses steht. Entscheidend sind daher oft die Hartnäckigkeit und das Engagement einzelner Personen. Die Thailänderin Krisana Kraisintu handelte mit Patentschutzabteilungen großer Unternehmen die Lizenzrechte für das Anti-HIV-Medikament “AfriVir” aus. Mit monatlichen Kosten von 12€ ist “AfriVir” das derzeit günstigste Mittel zur Aids-Kombinationstherapie. Der Deutsche Dirk Gebbers kaufte einem Pharmaunternehmen eine Fabrik in einem Bürgerkriegsgebiet der Demokratischen Republik Kongo ab und produziert nun für den lokalen Markt - nicht zuletzt für 1.500 Angestellte der eigenen Belegschaft - “AfriVir” und Malariamedikamente. Eine Lösung des Problems ist ohne Mitwirkung der Regierungen der afrikanischen Staaten jedoch nur schwer vorstellbar. Nigeria hat als erstes Land einen Vertrag mit einem indischen Generika-Hersteller ausgehandelt, der die dauerhafte Behandlung von 15.000 Aids-Patienten gewährleistet.

Ausblick
Einzelne Unternehmen wie auch ganze Volkswirtschaften werden im globalen Konkurrenzkampf naturgemäß nicht so handeln (können/wollen), dass sie bewusst Zugeständnisse machen, die ihnen selbst ökonomisch schaden und ihren Konkurrenten ökonomisch nutzen. Eine Balance (im Sinne eines Interessenausgleichs) im System kann erreicht werden, indem sich die vielfältigen beteiligten Gruppen wirkungsvoll organisieren und ihre Interessen überzeugend vertreten. Den “Lobbyismus” sollte man daher nicht der Pharmaindustrie überlassen, sondern bestehende Möglichkeiten der Einflussnahme nutzen. Aus einer Allianz von Interessen wie auch aus einer bestehenden Vielfalt von Meinungen, Ideen und Lösungsansätzen können Spielräume entstehen, die es den einzelnen Gruppen/Organisationen/Staaten erlauben, Ungerechtigkeiten auszugleichen oder sogar (im Idealfall) Zugeständnisse oder Kompromisse zum beiderseitigen Nutzen auszuhandeln. Das “Kräftespiel” kann auch juristische Manöver mit einschließen. Beispiel: Das oberste indische Bundesgericht hatte am 06.08.2007 die Klage eines Pharmaherstellers zur Handhabung des Patentrechts in Indien abgewiesen und betont, dass in diesem Streitfall einzig die Welthandelsorganisation (WTO) zuständig sei. Dies war ein geschickter Schachzug, da sich nur Staaten, nicht aber einzelne Unternehmen, an die WTO wenden dürfen.

Links

 

MG, 17.10.2012



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