Reiseinformationen - Übergewicht ist ansteckend


Übergewicht ist ansteckend

Das Robert Koch- Institut veröffentlichte 2012 erste Ergebnisse aus der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS) und verdeutlichte damit, wie häufig Übergewicht und Adipositas im internationalen Vergleich sind. Unter den 18-bis 79-Jährigen der deutschen Bevölkerung sind 53% der Frauen und 67% der Männer übergewichtig. Während die Überwichtsprävalenz auf hohem Niveau stagniert, verzeichnet die Adipositasprävalenz einen Anstieg bei Frauen von 22,5% (Bundes-Gesundheitssurvey 98) auf 23,9% und bei Männern von 18,9% (Bundes-Gesundheitssurvey 98) auf 23,9%. Zwischen den Erhebungen von 1998 und 2012 nahm der Anteil adipöser Männer in allen Altersgruppen zu, insbesondere im jungen Erwachsenenalter bis etwa 35 Jahre (Kurth B.-M. / RKI 2012).

Bildquelle: Karoline Bloch

Ein leichtes Übergewicht ist recht harmlos und vielleicht sogar günstig (nachrichten.ch). Sobald aber ein Body Mass Index über 30 erreicht ist, führt Übergewicht (Adipositas) zu Gesundheitsbelastungen. Fettleibigkeit ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet, sie nimmt durch die Veränderung von Ernährungsgewohnheiten zu.

Neben den möglichen gesundheitlichen Folgen haben Übergewichtige oft auch Nachteile im sozialen Miteinander. Wie kommt es, dass zu Übergewicht führendes Verhalten in unserer Gesellschaft so stark verankert ist? Warum achten nicht alle Menschen darauf, schlank zu bleiben? Zumal Schlankbleiben viel einfacher ist als Abnehmen.

 

Essen, Zuckerstoffwechsel und egoistisches Gehirn

Der Zuckerstoffwechsel ist sehr eng mit der Hirnleistung verbunden. Das Gehirn sorgt als Steuereinheit des Zuckerhaushaltes in erster Linie dafür, dass es selbst nicht zu kurz kommt. Im Stress werden besonders viele Zuckerreserven benötigt, für deren Nachschub die steuernden Hirnzentren sorgen, indem sie Appetit oder sogar Heißhunger erzeugen.

Mehr zum "egoistischen Gehirn":

Ein weiterer Grund gern viel zu essen, ist die reflexartige Verschaltung der Rachennerven mit dem Vagusnerven. Die Aufgabe des Vagusnerven ist es u.a. die Stressreaktion zu dämpfen, das Herz langsamer schlagen zu lassen, Atmung zu verlangsamen und zu vertiefen, und über einen Seitenast den Kehlkopf zu steuern. Wenn wir essen, bremsen wir den Stress, weshalb es gut ist Löwen vor einem Auftritt im Zirkus zu füttern.

Bildquelle: Karoline Bloch

Soziale Kontakte
Menschen sind soziale Tiere. Ihr Verhalten ist eingebettet in das kulturelle Umfeld, wobei Kultur als das konservative Beibehalten eines Verhaltens bezeichnet werden kann, das sich in der Vergangenheit offenbar bewährt hat (H. Maturana). Wir empfinden besser als andere hochorganisierte Tiere, was in anderen vorgeht. Wir sind durch sogenannte Spiegelneurone mit unseren Mitmenschen verbunden und bilden uns eine Meinung darüber, was der andere Andere empfindet (Theory of Mind, insb. mit dem Hirnteil rTPJ in der rechten Hirnhälfte). Hirnforscher sind sich deshalb einig, dass es ein isoliertes Gehirn nicht geben kann, sondern nur vernetzte Gehirne. Die Einbettung der Gehirne in Körper und Umwelt wiederum macht die Vernetzung untereinander erst möglich.

Zeichnen wir die Kontakte unser Freunde, Verwandten, Bekannten und Kollegen mit Verbindungslinien auf ein Blatt Papier, so entsteht ein dichtes Netzwerk. Facebook und andere Social Media stellen nur dar und vereinfachen, was bereits seit Anbeginn unserer Spezies vorhanden ist.

Solche Netzwerke sind seit Langem Gegenstand der biologischen Forschung. Untersucht wurden beispielsweise die Vernetzung von Nahrungsketten oder die Bedeutung von Netzwerken bei der Entwicklung kooperativen Verhaltens.

Soziale Kontakte spielen eine Rolle bei der Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Genauso aber auch bei der Ausbreitung bestimmter Verhaltensweisen

Bisherige Studien belegen: Die Art unserer sozialen Kontakte beeinflusst unsere Gesundheit. Die Frage ist daher, ob nicht manche sinnvolle medizinische Maßnahme wirkungslos bleibt, schlicht weil der Einfluss der vielfältigen sozialen Kontakte des Patienten nicht berücksichtigt wurde.

Die Untersuchung von Netzwerken erlaubt, den Fluss von Informationen und Emotionen zwischen den einzelnen Mitgliedern sichtbar zu machen. Interessanterweise lässt sich anhand einer graphischen Darstellung gar nicht auf Anhieb unterscheiden, ob es sich um eine Infektionskrankheit oder um eine Verhaltensweise handelt, die sich epidemisch ausbreitet. Mathematisch besteht kein großer Unterschied. So war es naheliegend, die mathematischen Modelle zur Beschreibung von Epidemien einmal auf die Beschreibung von Verhalten innerhalb sozialer Netzwerke anzuwenden.

Bildquelle: Irina Klein


Das Modell
Neben dem SIR-Modell ist vor allem das SIS-Modell geeignet, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu beschreiben. Anders als bei Infektionskrankheiten können Verhaltensweisen jedoch völlig unabhängig von Kontaktpersonen übernommen werden, zum Beispiel über die Medien. Daher müssen Computermodelle berücksichtigen, dass jemand auch rein zufällig mit einer bestimmten Verhaltensweise „infiziert“ werden kann. Auch kann eine angenommene Verhaltensweise spontan wieder verschwinden. Zusätzlich basieren Computermodelle oft nur auf Annahmen und nicht auf den tatsächlich vorhandenen Verhaltensweisen und Kontakten. Allison L. Hill und Kollegen haben im November 2010 ein Modell (SISa) vorgestellt, mit dem sie unter Vermeidung der genannten Schwachpunkte, die Ausbreitung von Adipositas innerhalb sozialer Netzwerke untersuchten. Grundlage waren die Datensätze, die während der Framingham Heart Study (FHS) gewonnen wurden.

 

Ausbreitung
Die Forscher Allison L. Hill und seine Kollegen gelangten unter der Anwendung ihres Computermodells zu den folgenden Ergebnissen:

Mit anderen Worten: Übergewicht ist „ansteckend“, Normalgewicht nicht.

Im Netzwerk-Modell verhält sich das Übergewicht (auf abstrakter Ebene betrachtet) tatsächlich wie eine Infektionskrankheit. Die Eigenschaften dieser „Infektionskrankheit“ haben sich in den letzten 30 Jahren jedoch verändert. Die „Ansteckungsrate“ unabhängig von sozialen Kontakten hat sich in dieser Zeit verdoppelt und die „Ansteckungsrate“ im Zusammenhang mit sozialen Kontakten sogar vervierfacht. Die „Infektionskrankheit“ Adipositas ist also in den letzten Jahrzehnten zunehmend „ansteckend“ geworden und tritt zudem noch gehäuft spontan auf. Unter diesen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass vor allem in den USA immer wieder von einer Epidemie der Adipositas gesprochen wird.

Bildquelle: Karoline Bloch

Die Gefahr einer Clusterbildung, also einer weitgehenden sozialen Abgrenzung der Übergewichtigen von den Normalgewichtigen - zum Beispiel als Folge von Diskriminierung - wird als gering angesehen, weil Adipositas spontan und völlig unabhängig vom sozialen Umfeld auftreten kann und damit tatsächlich "auch in den besten Kreisen" vorkommt.


Fazit

Die Ergebnisse von Allison L. Hill und Kollegen können als Ermunterung verstanden werden, wieder mehr Verantwortung für sich selbst und seine Kinder zu übernehmen. Indem wir Übergewicht vermeiden, nützen wir uns selber UND unseren engsten Kontaktpersonen. Ähnliche Zusammenhänge gelten wahrscheinlich auch für andere Verhaltensweisen mit sozialer Komponente wie Rauchen, Alkoholkonsum, depressivem Verstimmtsein und Aggressionen.

 
Quelle

 

Weitere Artikel

 

MG, HEF, S, 29.10.2012



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